Allegheny-Buschratte

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Allegheny-Buschratte

Systematik
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Teilordnung: Myodonta
Überfamilie: Hamster- und Mäuseartige (Muroidea)
Familie: Wühler (Cricetidae)
Unterfamilie: Neuweltmäuse (Sigmodontinae)
Tribus: Neotomini
Gattung: Amerikanische Buschratten (Neotoma)
Art: Allegheny-Buschratte
Wissenschaftlicher Name
Neotoma magister
Baird, 1858

IUCN-Status
Near Threatened (NT)

Die Allegheny-Buschratte (Neotoma magister), die auch Appalachen-Buschratte genannt wird, zählt innerhalb der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) zur Gattung der Amerikanischen Buschratten (Neotoma). Im Englischen wird die Art Allegheny Woodrat oder Appalacian Woodrat genannt. Ein weiteres, jedoch ungültiges Synonym ist Neotoma pennsylvanica (Stone, 1893; Wilson & Reeder, 2005). Das deutsche und das englische Synonym beziehen sich auf das Verbreitungsgebiet, die Allegheny Mountains im Nordosten der USA. Die Allegheny Mountains werden heute meist als Appalachen bezeichnet.

Ursprünglich wurde die Allegheny-Buschratte als Unterart der Neotoma floridana geführt. Deutliche Unterschiede in der mitochondrialen DNA (mtDNA) und im Habitus unterstreichen jedoch den Artstatus (Baker et al., 2003). Dieser Meinung schließen sich auch Wilson & Reeder (2005) an. Die Allegheny-Buschratte ist etwas größer als Neotoma floridana und weist eine größere Anzahl an Vibrissen auf, die zudem insgesamt länger sind. Der Gattungsname Neotoma leitet sich von den griechischen Worten neos (neu) und tomos (schneiden) ab. Das Artepitheton magister bezieht sich auf Meister oder Lehrer (Castleberry, Mengak & Ford, 2006).

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Zahlreiche fossile Funde der Allegheny-Buschratte stammen aus pleistozänen Ablagerungen, die in Indiana, Kentucky, Maryland, Ohio, Pennsylvania, Tennessee und Virginia gefunden wurden. Während des Pleistozän war die Art deutlich weiter südlich verbreitet. Die nördlichen Appalachen waren während der Eiszeit wahrscheinlich kein geeigneter Lebensraum (Castleberry, Mengak & Ford, 2006). <1>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Größe und das Gewicht der Allegheny-Buschratte divergiert je nach Geschlecht und Vorkommen. Durchschnittlich erreichen die Tiere eine Gesamtlänge von 311 bis 451 (397,4) mm, eine Schwanzlänge von 147 bis 210 (180) mm, eine Hinterfußlänge von 35 bis 46 (41,7) mm, eine Ohrlänge von 23 bis 34 (28,3) mm, Eine Jochbeinbreite von 51,4 bis 52,1 mm, eine Condylobasallänge von 51,4 bis 52,1 mm, eine Schädellänge von 53,3 bis 54,0 mm sowie eine Länge des Rostrum von 21,9 bis 22,3. Weibchen erreichen ein durchschnittliches Gewicht von 337 Gramm, Männchen ein Gewicht von 357 Gramm. Das Fell weist dorsal eine gräuliche bis bräunliche Färbung auf, ventral ist das Fell vom Hals bis in die Schwanzregion weißlich gefärbt. Der lange Schwanz ist nur spärlich behaart. Die schwarz und weiß gefärbten Vibrissen, von denen auf jeder Schnauzenseite bis zu 50 vorhanden sind, erreichen eine Länge von bis zu 51 mm. Das Gebiss besteht aus 16 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p0/0, m3/3. Der Penisknochen (Baculum) ist relativ kurz und nach proximal deutlich verbreitet. Der Baculum erreicht eine Länge von 6,41 bis 7,1 (6,79) mm und einen Durchmesser an der Basis von 1,45 bis 1,98 (1,74) mm. Die Hoden (Testes) weisen eine Länge von 18,5 mm und eine Breite von 11 mm auf. Das Skrotum (Hodensack) ist flach und umschließt die Hoden und Nebenhoden (Castleberry, Mengak & Ford, 2006). <10>

Lebensweise

Die überwiegend nachtaktiven Allegheny-Buschratten leben einzelgängerisch und sind ausgesprochen territorial. Sie verteidigen ihr Revier durchaus agonistisch gegen Artgenossen (Konspezifität). Die Reviere einzelner Tiere können sich überschneiden, das Kernrevier wird jedoch erbittert verteidigt. Bei einer hohen Siedlungsdichte zeigt sich bei beiden Geschlechtern Dominanzhierarchien, die ein hohes Aggressionspotential aufweisen. Der Reviermarkierung dient das Sekret aus einer ventralen Drüse. Das Sekret weist eine gelblichbraune Färbung auf. Die täglichen Aktivitäten beginn kurz nach Sonnenuntergang und enden in den frühen Morgenstunden. Die Reviergröße liegt bei Männchen bei etwa 6,5 ha, bei Weibchen bei rund 2,2 ha. Die Reviergrößen können je nach Jahreszeit stark divergieren (Castleberry, Mengak & Ford, 2006). <2>

Verbreitung

Allegheny-Buschratten sind in den nordöstlichen USA, insbesondere in den Appalachen und den Allegheny Mountains endemisch. Die Art kommt nach Angaben der IUCN im westlichen Connecticut, im südöstlichen New York, nördlichen New Jersey, nördlichen Pennsylvania, südwärts durch das westliche Maryland, Tennessee, Kentucky, West Virginia, dem nördlichen und westliche Virginia bis ins nordöstliche Alabama vor. Isolierte Populationen treten in südlichen Ohio und dem südlichen Indiana auf. Allegheny-Buschratten kommen hauptsächlich im Hochland oberhalb von 640 Meter über NN vor. Besiedelt werden meist felsige Lebensräume. Allegheny-Buschratten sind nicht an eine spezielle Vegetation gebunden, solange ausreichend Futterpflanzen vorhanden sind. In den lichten Laubwäldern finden die Tiere in der Regel reichlich Nahrung in Form von Waldfrüchten und ähnlichem (Castleberry, Mengak & Ford, 2006; Mengak, 2002; Hall, 1981; Butchkoski, 2004; Hayes & Harrison, 1992). <3>

Biozönose

Nahrungskonkurrent: die Hirschmaus (Peromyscus maniculatus)
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Nahrungskonkurrent: die Hirschmaus (Peromyscus maniculatus)

Sympatrie

In den natürlichen Lebensräumen lebt die Allegheny-Buschratte in Lebensraum- und/oder Nahrungskonkurrenz zu anderen Tierarten, insbesondere zu anderen Nagetieren (Rodentia). Dies sind die Gelbnasige Wühlmaus (Microtus chrotorrhinus), das Gemeine Rothörnchen (Tamiasciurus hudsonicus), die Nördliche Kurzschwanzspitzmaus (Blarina brevicauda), die Nordamerikanische Rötelmaus (Myodes gapperi), die Weißfußmaus (Peromyscus leucopus), die Hirschmaus (Peromyscus maniculatus), lokal auch die Amerikanische Maskenspitzmaus (Sorex cinereus), die Langschwanzspitzmaus (Sorex dispar) sowie die Rauchfarbene Spitzmaus (Sorex fumeus). In Lebensraum-Konkurrenz steht die Allegheny-Buschratte zu dem Rafinesque-Langohr (Corynorhinus rafinesquii), dem Townsend-Langohr (Corynorhinus townsendii), dem Kolkrabe (Corvus corax), dem Langschwanzwiesel (Mustela frenata), den Mausohren (Myotis) Myotis leibii, dem Östlichen Fleckenskunk (Spilogale putorius) sowie dem Amerikanischen Schwarzbär (Ursus americanus) (Castleberry, Mengak & Ford, 2006). <4>

Prädatoren

Prädator: der Graufuchs (Urocyon cinereoargenteus)
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Prädator: der Graufuchs (Urocyon cinereoargenteus)

Die Allegheny-Buschratte steht auf der Speisekarte zahlreicher räuberisch lebender Vögel (Aves), Säugetiere (Mammalia) und Schlangen (Serpentes). Zu den potentiellen Räubern gehören insbesondere die Östliche Diamant-Klapperschlange (Crotalus adamanteus) und der Virginia-Uhu (Bubo virginianus) sowie der Rotluchs (Lynx rufus), der Streifenskunk (Mephitis mephitis), der Graufuchs (Urocyon cinereoargenteus) und der Langschwanzwiesel (Mustela frenata) (Castleberry, Mengak & Ford, 2006). <5>

Krankheiten und Parasiten

Der Nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor), ist Träger des Waschbärspulwurms (Baylisascaris procyonis). Baylisascaris procyonis gehört zu den Fadenwürmer (Nematoda) und lässt sich im Darm nachweisen. Als Zwischenwirt gilt auch die Allegheny-Buschratte. Da die Allegheny-Buschratte umfangreiche Nahrungsvorräte anlegt und dabei auch Kot eingelagert wird, ist die Infektionsgefahr deutlich größer als bei anderen kleinen Säugetieren. Die Parasiten, deren Eier meist in Kot eingelagert werden, können die Darmwand durchdringen und sich im Folgenden in Organe oder Gewebe einnisten. Die Folge ist bei einem starken Befall oftmals eine schwere Störung des Nervensystem. Zu den Symptomen zählen Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, Koma und Lethargie. Nicht selten endet der Befall mit Waschbärspulwürmern mit dem Tode. Zu den weiteren Parasiten gehören Ektoparasiten wie die Vertreter der Flöhe (Siphonaptera) und Milben (Acari, Acarida) sowie verschiedene Endoparasiten. Hier sind insbesondere Kokzidien (Coccidia) wie Eimeria neotoma, Flöhe wie Epitedia cavernicola und Orchopeas pennsylvanicus und Zecken wie Ixodes angustus (Castleberry, Mengak & Ford, 2006). <6>

Ernährung

Allegheny-Buschratten ernähren sich hauptsächlich von pflanzlicher Nahrung und gelegentlich von Pilzen (Fungi). Zu einem kleinen Teil stehen auch Insekten (Insecta) auf der Speisekarte. Gefressen werden vor allem Waldfrüchte, Beeren, Blätter und andere grüne Pflanzenteile. Zu den bevorzugten Futterpflanzen gehören Zucker-Birken (Betula lenta), Amerikanische Kastanien (Castanea dentata), Blüten-Hartriegel (Cornus florida), Niedzwetzki-Apfel (Malus niedzwetzkyana, Syn. Malus pumila), Zwerg-Eichen (Quercus ilicifolia), Späte Traubenkirschen (Prunus serotina), Rhododendren (Rhododendron), Amerikanische Eberesche (sorbus americana), Gewöhnlicher Tüpfelfarn (Polypodium vulgare), Stechwinden (Smilax), Heidelbeeren (Vaccinium) und Wurmfarne (Dryopteris) (Castleberry, Mengak & Ford, 2006; L. Castleberry, B. Castleberry, Ford, Wodd & Mengak, 2002). <7> <11>

Fortpflanzung

Allegheny-Buschratten erreichen die Geschlechtsreife im Alter von 3 bis 4 Monaten. Die Fortpflanzungszeit ist regional unterschiedlich. In Pennsylvania erstreckt sich die Paarungs- und Aufzuchtzeit von März und Oktober. Während dieser Zeit kommt es zu 2 bis 3 Würfen. Im westlichen Virginia pflanzen sich Allegheny-Buschratten ganzjährig fort, wobei die meisten Würfen in die Zeit von Mai und Oktober fallen. Nach einer Tragezeit von 30 bis 36 Tagen bringt ein Weibchen in ihrem Nest 1 bis 4 (2) Jungtiere zur Welt. Das Nest weist einen Außendurchmesser von 46 und einen Innendurchmesser von 12 Zentimeter auf. Ein Nest befindet sich in der Regel in natürlichen Höhlungen, Felsspalten oder an ähnlich geschützter Stelle. Der Nachwuchs ist bei der Geburt nackt und weist ein Gewicht von 15 bis 17 Gramm auf. Bereits gegen Ende der ersten Woche hat sich das erste Fell entwickelt. Die Augen öffnen sich in der dritten Lebenswoche. Die Jungen wachsen schnell heran und legen pro Tag 0,95 und 1,26 Gramm an Gewicht zu. Die Jungen bleiben bei der Mutter bis sie ein Gewicht von rund 115 Gramm erreicht haben. Die Lebenserwartung in freier Wildbahn liegt bei 4 bis 5 Jahren (Castleberry, Mengak & Ford, 2006; Mengak, 2002). <8> <12>

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Die Allegheny-Buschratte gilt als bedrohte Art und steht mittlerweile auf der Vorwarnliste. Die Rote Liste der IUCN führt die Art daher in der Kategorie gering gefährdet (NT, Near Threatened). In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes ist in jüngster Zeit ein Rückgang der Populationen zu verzeichnen. Man geht davon aus, dass die Populationsrückgänge mit dem Rückgang an Eichenwäldern in Verbindung steht. Die Früchte der Eichen zählen zu den wichtigsten Nahrungsmitteln der Allegheny-Buschratten. Der Rückgang in den Populationen ist dabei auf anthropogene Einflüsse zurückzuführen. Laubwälder verschwinden und werden vom Menschen durch schnellwachsende Nadelbäume ersetzt. Eine erhöhte Mortalität geht auch vom Waschbärspulwurm (Baylisascaris procyonis) aus. Dieser Parasit tritt vor allem in Regionen mit einer hohen Waschbärdichte auf (Castleberry, Mengak & Ford, 2006). <9>

Anhang

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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