Stummelschwanzhörnchen

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Stummelschwanzhörnchen

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Hörnchenverwandte (Sciuromorpha)
Überfamilie: Stummelschwanzhörnchenartige (Aplodontioidea)
Familie: Stummelschwanzhörnchen (Aplodontidae)
Gattung: Aplodontia
Art: Stummelschwanzhörnchen
Wissenschaftlicher Name
Aplodontia rufa
Rafinesque, 1817

IUCN-Status
Near Threatened (NT) - IUCN

Das Stummelschwanzhörnchen (Aplodontia rufa), das auch Biberhörnchen genannt wird, zählt innerhalb der Familie der Stummelschwanzhörnchen zur Gattung der Aplodontia. Im Englischen wird das Stummelschwanzhörnchen Mountain Beaver genannt. Der Gattungsname Aplodontia setzt sich aus den griechischen Wörtern aploos (dt. = einfach) und odontos (dt. = Zahn) zusammen und bezieht sich auf die einfache Form der Zähne.

Inhaltsverzeichnis

Evolution, fossile Funde

Das Stummelschwanzhörnchen ist innerhalb der Familie der Aplodontidae und der Gattung Aplodontia die einzige rezente Art. Stummelschwanzhörnchen sind eine sehr alte und ursprüngliche Nagetierart innerhalb der Säugetiere. Nahe Verwandte sind keine bekannt. Die Entwicklung der Vorläufer der Stummelschwanzhörnchen begann wahrscheinlich bereits im späten Paläozän. Aufgrund fossiler Funde ist davon auszugehen, dass Stummelschwanzhörnchen von Prosciurinae abstammen. Die Abspaltung erfolgte wahrscheinlich vor rund 30 Millionen Jahren im frühen Oligozän. Die Wurzeln der Stummelschwanzhörnchen dürften somit bis ins Eozän oder sogar bis ins Paläozän hineinreichen. Aus Prosciurinae entwickelten sich die ersten Vertreter der Aplodontinae, aus der die monotypischen Aplodontia hervorgingen. Die ältesten fossilen Funde stammen aus dem mittleren Oligozän und weisen somit ein Alter von rund 25 Millionen Jahren auf. Sie wurden in der Mongolei gefunden. Jüngere Fossilien stammen aus dem heutigen Verbreitungsgebiet, insbesondere aus Oregon/USA. Sie stammen aus dem frühen Miozän, einer Zeit von vor etwa 20 Millionen Jahren. Funde aus dem mittleren Miozän (10 bis 15 Millionen Jahren) stammen aus dem Montana, Oregon und Nevada. Man kann das Stummelschwanzhörnchen als die älteste rezente Nagetierart bezeichnen. <1>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Das Stummelschwanzhörnchen erreicht je nach Geschlecht und Unterart eine Körperlänge von 30 bis 47 Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 5,5 bis 6,3 Zentimeter, eine Ohrlänge von 1,3 bis 2,1 Zentimeter sowie ein Gewicht von durchschnittlich 900 bis 1.200 Gramm. Der Schwanz weist nur einen rudimentären Charakter auf und erreicht eine Länge von nur 2 bis 4 Zentimeter. Der Körperbau erscheint kräftig und sehr stämmig. Dieser Eindruck wird durch die kurzen Extremitäten verstärkt. Die Körperform und die äußeren Merkmale erinnert an eine Bisamratte (Ondatra zibethicus). Eine Verwandtscgaft ergibt sich mit der Bisamratte jedoch nicht. Das ähnliche Aussehen ist mit einer konvergenten Entwicklung zu erklären.

Das dichte Fell besteht aus einer dichten Unterwolle und oben aufliegenden gröberen Grannenhaaren. Es weist je nach Unterart eine überwiegend graubraune bis schwarzbraune Färbung auf. Markant ist bei allen Unterarten ein kleiner weißer Fleck hinter den Ohren. Die Augen sitzen seitlich relativ weit vorne am Schädel. Die Ohren liegen auf gleicher Höhe wie die Augen weit hinten am Kopf. Der Bereich der Schnauze ist durch lange Tasthaare, die sogenannten Vibrissen gekennzeichnet. Die Vibrissen dienen im Wesentliche der Orientierung. Die kurzen Beine enden in Füße, die jeweils fünf krallenbewehrte Zehen aufweisen. Das Gebiss verfügt über 22 Zähne. Die zahnmedizinische Formel lautet 2/2, 0/0, 2/1, 3/3.Die Schneidezähne sind leicht verlängert und wachsen aufgrund der ständigen Abnutzung ein Leben lang nach. <2>

Lebensweise

Die überwiegend nachtaktiven Stummelschwanzhörnchen leben einzelgängerisch und sind ausgesprochen territorial. Die Geschlechter treffen im Grunde nur während der Paarungszeit aufeinander. Da die Tiere über keine Schweißdrüsen verfügen, vermeiden sie es, am Tage ihren Bau zu verlassen. Selten lassen sie sich in der Dämmerung oder an kühlen Tagen außerhalb ihrer Bauten blicken. In Gesellschaft sieht man meist nur die Weibchen mit ihrem Nachwuchs. Abgesehen von der Nahrungssuche halten sich Stummelschwanzhörnchen fast ausschließlich in ihren Erdbauten auf, die sie selbst gegraben haben. Die Bauten verfügen meist über mehrere Kammern und mehrere Ein- und Ausgänge. Als Grabwerkzeuge dienen die kräftigen Vorderbeine, die mit starken Krallen versehen sind. Mit den Hinterbeinen wird Sand aus dem Bau befördert. Ein Bau verfügt über eine zentrale Wohnkammer und mehrere, meist drei bis vier kleinere Kammern, die als Kotplatz oder Vorratsraum dienen. Die zentrale Wohnkammer befindet sich in der Regel etwa 100 bis 120 Zentimeter tief in der Erde. Für die kalte Jahreszeit horten Stummelschwanzhörnchen Nahrungsvorräte in ihrem Bau. Stummelschwanzhörnchen sind durchaus gute Kletterer und Schwimmer. Sie scheuen den Kontakt mit Wasser keineswegs. Auch höhere Bäume stellen kein Problem dar. Stummelschwanzhörnchen wurden schon in Bäumen in Höhen von bis zu sechs Metern beobachtet. Die Sinne sind bis auf den olfaktorischen Sinn (Geruchssinn) eher mäßig entwickelt. Sie orientieren sich im Wesentlichen über den Geruchssinn und über den Tastsinn. <3>

Unterarten

Die Unterarten werden gelegentlich in der Gattung Aplodontia als eigene Art geführt. Morphologische und genetische Untersuchungen können dies jedoch nicht bestätigen.

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Stummelschwanzhörnchen erstreckt sich im Nordwesten Nordamerikas vom südwestlichen British Columbia, über Washington und Oregon bis ins zentrale Kalifornien. Die Tiere kommen überwiegend im Hügelland, stellenweise auch im Hochgebirge der Sierra Nevada bis in Höhen von rund 2.500 Metern über NN. vor. Im Bereich der Küste sind einige Unterarten auch in der Ebene anzutreffen. Lichte Bergwälder und Küstenwälder gehören zu den bevorzugten Lebensräumen. Ein dichter Bewuchs mit Sträuchern und Büschen kennzeichnet die Habitate. Hier finden Stummelschwanzhörnchen Schutz vor Fleischfressern und Nahrung. Ein Gewässer befindet sich meist in unmittelbarer Nähe.

Prädatoren, Parasiten

Zu den natürlichen Fleischfressern der Stummelschwanzhörnchen gehören vor allem Rotluchse (Lynx rufus), Kojoten (Canis latrans), Pumas (Puma concolor) und Steinadler (Aquila chrysaetos). Kleinere Räuber wie Streifenskunks (Mephitis mephitis) und Langschwanzwiesel (Mustela frenata) dringen in der Bauten der Stummelschwanzhörnchen ein und erbeuten hier vor allem Jungtiere oder juvenile Tiere. Stummelschwanzhörnchen haben Fleischfressern kaum etwas entgegenzusetzen. Ihr einziger Schutz ist die verschwiegene Lebensweise und ihre Bauten, in denen sie Schutz suchen. Stummelschwanzhörnchen werden von zahlreichen Ekto- und Endoparasiten heimgesucht. Dazu gehören Flöhe (Siphonaptera) wie Epitedia jordani, Epitedia scapani, Dasypsyllus gallinulae, Hystrichopsylla schefferi und viele andere. Auch Milben (Acari) wie Alphalaelaps aplodontinae, Patrinyssus hubbardi und andere wurden zahlreich nachgewiesen. An Endoparasiten kommen unterschiedliche Bandwürmer (Cestoda) in Betracht. <4>

Ernährung

Als reine Pflanzenfresser ernähren sich Stummelschwanzhörnchen höchst variabel von einer großen Zahl an Pflanzen. Dazu gehören Sämereien, Sprößlinge, Zweige, Früchte oder Blätter der Schwertfarne (Polystichum munitum), Adlerfarne (Pteridium aquilinum), Oregonerle (Alnus rubra), Thujas (Thuja), Küsten-Douglasie (Pseudotsuga menziesii), Westamerikanische Hemlocktanne (Tsuga heterophylla), Weinblatt-Ahorn (Acer circinatum), Oregon-Ahorn (Acer macrophyllum), Red Huckleberry (Vaccinium parvifolium), Kreuzdorn (Rhamnus), Haseln (Corylus), Johannisbeeren (Ribes), Gauklerblumen (Mimulus), Scheinbeeren (Gaultheria), Berberitzen (Berberis), sowie verschiedene Gräser und Kräuter. Die aufgenommene Nahrung kann lokal und saisonal stark schwanken. 75 Prozent ihrer aktiven Zeit wenden die Tiere für die Nahrungssuche und -aufnahme auf. Ähnlich den Eichhörnchen nehmen auch Stummelschwanzhörnchen ihre Nahrung zwischen die Vorderpfoten. Die Nahrung ist in der Regel stark zellulosehaltig und daher schwer zu verdauen. Sie können bis zu 50 Prozent ihres Körpergewichtes an Nahrung zu sich nehmen. Die Nahrungssuche erfolgt überwiegend in der Nacht. Der Kot wird in separaten Kammern abgelegt und später, wenn er ausgehärtet ist, gefressen. Dadurch ziehen Stummelschwanzhörnchen auch die letzten Nährstoffe aus der Nahrung. Trinkwasser wird meist täglich zu sich genommen. <5>

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife wird gegen Ende des zweiten Lebensjahres erreicht. Die ersten Vorzeichen der Paarungszeit der Stummelschwanzhörnchen treten bereits im Winter, meist im November oder im Dezember auf. Die Hoden (Testikel), die Bulbourethraldrüse (Glandula bulbourethralis) und die akzessorische Geschlechtsdrüse (Prostata) der Männchen schwellen an. Bei den Weibchen setzt während des Östrus die Bildung der Muttermilch und die Vergrößerung der Zitzen ein. Auch ein Anschwellen der Vulva ist zu beobachten. Ende Februar, Anfang März erreicht der Östrus der Weibchen ihren Höhepunkt. Die Tragezeit erstreckt sich über 28 bis 30 Tage. Das Weibchen bringt in ihrem Bau zwei bis drei Jungtiere zur Welt. Das Geburtsgewicht liegt bei rund 25 Gramm, die Geburtslänge beträgt 7 Zentimeter. Der Nachwuchs ist ausgesprochen hilflos und sowohl nackt als auch blind. Die Vibrissen sind bereits bei der Geburt sichtbar. Ab dem fünften Lebenstag dunkelt die zunächst rosa gefärbte Haut deutlich ab. Ab dem neunten Tag beginnt das Fell zu wachsen. Zu Beginn der dritten Lebenswochen krabbeln die Jungen erstmals im Bau umher. Mit 21 Tagen öffnen sich die Ohren und das Fell ist mittlerweile vollständig gewachsen. Erst im Alter von gut 45 Tagen öffnen sie erstmals ihre Augen. Die Säugezeit erstreckt sich meist über acht Wochen. Die Lebenserwartung ist nicht bekannt, jedoch ist die Mortalität aufgrund der zahlreichen Fleischfresser im ersten Lebensjahr besonders hoch. <6>

Ökologie, Gefährdung und Schutz

In den meisten Regionen werden Stummelschwanzhörnchen als Plage angesehen. Bei massenhaftem Auftreten können die an dem Sämlingen im Wald oder auf landwirtschaftlichen Flächen und in Gärten durchaus erheblichen Schaden anrichten. Farmer und Gartenbauer stellen den Tieren mit Giftködern und Fallen nach. Trotz der starken Bejagung gehören Stummelschwanzhörnchen noch nicht zu den bedrohten Nagetierarten. In der Roten Liste der IUCN wird die Art gering gefährdet (NT, Near Threatened) geführt. <7>

Anhang

Literatur und Quellen

Links

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