Buschschwanzratte

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Buschschwanzratte

Systematik
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Teilordnung: Myodonta
Überfamilie: Hamster- und Mäuseartige (Muroidea)
Familie: Wühler (Cricetidae)
Unterfamilie: Neuweltmäuse (Sigmodontinae)
Tribus: Neotomini
Gattung: Amerikanische Buschratten (Neotoma)
Art: Buschschwanzratte
Wissenschaftlicher Name
Neotoma cinerea
Ord, 1815

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Buschschwanzratte (Neotoma cinerea) zählt innerhalb der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) zur Gattung der Amerikanischen Buschratten (Neotoma). Im Englischen wird die Art Bushy-tailed Woodrat genannt.

Inhaltsverzeichnis

Evolution und Entwicklung

Die ältesten fossilen Funde der Buschratte der Gattung Neotoma stammt aus dem späten Miozän. Die Funde wurden auf ein Alter von 6,6 Millionen Jahre datiert. Man geht davon aus, dass sich Neotoma cinerea vor rund 1,9 bis 3,0 Millionen Jahren differenzierte. Dies konnte anhand von Gebissfunden nachgewiesen werden, wobei sich Neotoma cinerea von Neotoma amplidonta abspaltete. Fossile Nachweise liegen der Wissenschaft in großer Zahl vor und stammen im Wesentlichen aus dem Südwesten der USA, insbesondere aus Wyoming, Idaho, Colorado, New Mexico und Kalifornien. Während des Pleistozän trat Neotoma cinerea auch im südlichen New Mexico, im südwestlichen Texas und im nördlichen Mexiko auf. Hier ist die Art heute nicht mehr anzutreffen. Ein klimatischer Wandel, vor allem die Flora betreffend, drängte die Art zwischen dem Pleistozän und dem Holozän nach Norden.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Buschschwanzratte erreicht je nach Unterart und Geschlecht eine Körperlänge von 17,3 bis 24,7 (19,2) Zentimeter, eine Schwanzlänge von 13,0 bis 16,8 (14,9) Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 3,8 bis 4,2 (4,0) Zentimeter sowie ein Gewicht von 234 bis 600 Gramm. Bei den Werten in Klammern handelt es sich um Durchschnittswerte. Die nördlichen Unterarten werden deutlich größer und schwerer als die südlichen Unterarten und Populationen. Weibchen bleiben insgesamt ein wenig kleiner und leichter als Männchen. Buschschwanzratten unterscheiden sich von allen anderen Amerikanischen Buschratten (Neotoma) durch ihre Körpergröße, den buschigen eichhörnchenartigen Schwanz und den mit Fell besetzten hinteren Fußsohlen. Das Fell des Schwanzes erreicht eine Länge von bis zu 3,0 cm. Die Fellfärbung variiert je nach Unterart und Lebensraum von hellgrau bis hin zu dunkelbraun und schwarzbraun. Ventral zeigt sich eine gelblichbraune bis blassrosa Färbung. Im ersten Lebensjahr kommt es zu 2 bis 3 Fellwechseln, in den Folgejahren zu einem Fellwechsel. Ein Fellwechsel beginnt am Abdomen und setzt sich lateral zum Rücken fort.

Die Morphologie des Magens ist relativ spezialisiert und der Nahrung angepasst. Die geriffelte Wand des Magens ist mit bis zu 4 Millimeter extrem dick und zudem mit kräftigen Muskeln und zahlreichen Drüsen durchzogen. Der Blinddarm ist groß und gut entwickelt. In ihm erfolgt die Fermentation der Nahrung. Der Penis der Männchen ist schlank und distal eingeengt. Der Penisknochen (Baculum oder Os priapi) ist dünn und weist gestreckt knorpelige Dornen auf. Er erreicht eine Länge von 5,5 Millimeter, einen dorsoventraler Durchmesser von 0,9 Millimeter sowie einen lateralen Durchmesser von 1,5 Millimeter. Die großen und rundlich geformten Ohren weisen im Wesentlichen kein Fell auf und liegen weit hinten am Kopf. Die Augen sind knopfartig rundlich und dunkel gefärbt. Im Bereich der Schnauze zeigen sich lange Tasthaare, die sogenannten Vibrissen. Das Gebiss besteht aus 16 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p0/0, m3/3.

Lebensweise

Buschschwanzratten sind nicht in der Lage starke Temperaturschwankungen zu tolerieren. Ihr Fell ist daher sehr dicht und schützt die Tiere sowohl vor Kälte als auch vor zu hohen Temperaturen. Zuflucht suchen Buschschwanzratten in geschützten Höhlen, die zum einen der Thermoregulation und zum anderen Schutz vor Fleischfressern dienen. Die Bauten werden mit Pflanzenteilen ausgestattet, die mit Kot und verdichtetem Urin zusammengehalten werden. Sie leben demnach mehr oder weniger in einem Misthaufen. Fakt ist jedoch, dass diese Art von Unterkunft den Tieren das Überleben in zum Teil ungastlichen Lebensräumen sichert. Der Urin enthält große Mengen an Calciumcarbonat (CaCO3) und Calciumoxalat (CaC2O4). Ausgeschieden nimmt der Urin mit der Zeit eine kristalline Form an. Außerhalb der eigenen Behausung dienen bestimmte Plätze meist mehreren Tieren als Kot- und Urinplätze. Diese Plätze werden üblicherweise über mehrere Generationen genutzt. Buschschwanzratten sind das ganz Jahr über aktiv, eine Winterruhe wird demnach nicht gehalten.

Das Revier der Buschschwanzratten ist relativ klein. Es erstreckt sich über kaum mehr als einen Radius von bis zu 500 Meter rund um den eigenen Bau. Durchschnittlich umfasst ein Revier zwischen 2 bis 11 Hektar. In ihrem Revier leben die Tiere einzelgängerisch, das Revier wird gegenüber Artgenossen energisch verteidigt. Bei gesichteten Gruppen handelt es sich um ein Weibchen mit ihrem Nachwuchs oder um Männchen und Weibchen während der Paarungszeit, eventuell auch um längere Beziehungen zwischen Müttern und ihren Töchtern. Ansonsten haben andere soziale Beziehungen nur agonistischen Charakter. Buschschwanzratten sind ausgesprochen nachtaktiv, am Tage ruhen sie in ihrem Unterschlupf.

Unterarten

Verbreitung

Buschschwanzratten kommen mit zahlreichen Unterarten in weiten Teilen des westlichen und zentralen Nordamerikas vor. In Kanada erstreckt sich das Verbreitungsgebiet über das südliche Yukon, die westlichen Nordwest-Territorien sowie südlich bis nach British Columbia und über das westliche Alberta. In den USA werden die westlichen und zentralen US-Bundesstaaten besiedelt. Die südlichsten Verbreitungsgebiete liegen im nördlichen New Mexico und Arizona. Felsige Habitate mit zahlreichen Höhlen, Spalten und Rissen dienen den Tieren als Lebensraum. Aber auch boreale Wälder, felsige Halbwüsten, die Taiga im hohen Norden, Savannen und Grasland werden besiedelt.

Biozönose

Prädator: der Langschwanzwiesel (Mustela frenata)
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Prädator: der Langschwanzwiesel (Mustela frenata)

Prädatoren

Zu den natürlichen Fleischfressern der Buschschwanzratte zählen insbesondere räuberisch lebende Säugetiere (Mammalia) wie Langschwanzwiesel (Mustela frenata), Fichtenmarder (Martes americana), Rotluchse (Lynx rufus) und Kojoten (Canis latrans). Unter den Vögeln (Aves) stellen vor allem Virginia-Uhus (Bubo virginianus), Habichte (Accipiter gentilis) und Rotschwanzbussarde (Buteo jamaicensis) den Tieren nach. Wahrscheinlich kommen auch einige Schlangen (Serpentes) als Fleischfresser in Frage. Untersuchungen liegen hierzu jedoch nicht vor.

Parasiten

In Felduntersuchungen konnten zahlreiche Endo- und Ektoparasiten wie Zecken (Ixodida), Milben (Acari), Tierläuse (Phthiraptera), Hautdasseln (Hypoderminae) und Flöhe (Siphonaptera). Nachgewiesen sind insgesamt 37 Ektoparasiten. Ein Großteil der Ektoparasiten entfällt auf Milben (26).

Konkurrenz

Nahrungskonkurrent: Amerikanischer Pfeifhase (Ochotona princeps)
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Nahrungskonkurrent: Amerikanischer Pfeifhase (Ochotona princeps)

Buschschwanzratten stehen in Lebensraum- und Nahrungskonkurrenz (Kommensalismus) zu verschiedenen Tieren. Hier sind insbesondere Kommensalen wie den Amerikanischen Pfeifhasen (Ochotona princeps), Ziesel (Spermophilus), Gebirgs-Chipmunks (Tamias alpinus), Murmeltiere (Marmota) sowie Hirschmäuse (Peromyscus maniculatus) zu nennen.

Ernährung

Buschschwanzratten sind in Bezug auf ihre Nahrung wählerisch und nutzen eine breite Palette an Futterpflanzen. Man kann die Tiere daher gut und gerne als Nahrungsgeneralisten bezeichnen. Weit oben auf der Speisekarte stehen verschiedenste Blätter. Es werden aber auch Rinde, Früchte und Beeren sowie Sämereien gefressen. Die aufgenommene Nahrung schwankt jedoch je nach Unterart und Lebensraum. Je nach Lebensraum werden vor allem die Blätter von Pappeln (Populus), Douglasien (Pseudotsuga menziesii), Prunus, Chrysothamnus, Spindelbaumgewächsen (Celastraceae), Schneebeeren (Symphoricarpos), Johannisbeeren (Ribes), Goldruten (Solidago), Rosen (Rosa), Fichten (Picea), Kiefern (Pinus), Wacholder (Juniperus), Opuntien (Opuntia), Salzkräuter (Salsola) sowie verschiedene andere Rosengewächse (Rosaceae) verspeist. Auf Trinkwasser sind Buschschwanzratten nicht angewiesen, so dass der Wasserbedarf vollständig über die Nahrung gedeckt wird. Die Bauten der Buschschwanzratten dienen den Vorratskammern. In Felduntersuchungen konnte festgestellt werden, dass Nahrung bis zu 50 Kilogramm gehortet wird. Die Nahrung wird vor allem im Sommer gesammelt, die dann in den Mangelzeiten als Nahrungsreserve dient. Gehortet werden neben Pflanzenteilen auch Pilze, die dann in getrockneter Form vorliegen.

Fortpflanzung

Auch wenn die Buschschwanzratte schon vor Ablauf des ersten Lebensjahres geschlechtsreif wird, zur ersten Fortpflanzung kommt es jedoch erst als Jährling. Weibchen weisen einen saisonalen Sexualzyklus auf. Demnach kommt es in einer Saison meist nur zu einem Wurf. Die Wurfgröße richtet sich nach den lokalen ökologischen und umweltlichen Bedingungen und liegt zwischen 3 und 5 (3,5) Jungtieren. Interessanterweise bringt ein älteres Weibchen mehr Männchen unter ihrem Nachwuchs hervor, jüngere Weibchen entsprechend mehr weiblichen Nachwuchs. Die Paarungszeit erstreckt sich in den südlichen Regionen von Mai bis in den August hinein, wobei die Zeiten in den nördlichen Regionen wie dem westlichen Kanada kaum von diesen Daten abweichen. Das Paarungssystem wird als Polygynie beschrieben. Polygynie liegt in der Tat vor, da sich ein Männchen innerhalb einer Fortpflanzungsperiode mit mehreren Weibchen paart, die Weibchen jedoch nur mit diesem einen Männchen. In Regionen mit einer geringen Siedlungsdichte kann es auch zu monogamen Tendenzen kommen. Die Tragezeit variiert zwischen 27 und 32 (30) Tage. Der Nachwuchs kommt blind und nackt zur Welt. Männliche Jungtiere weisen ein Geburtsgewicht von 15 ± 0,2 g auf, weiblicher Nachwuchs ein Gewicht von 14,4 ± 0,2 g. Im Alter von gut 15 Tagen verfügen die Jungen über ein Fell und die Augen sind geöffnet. Zu diesem Zeitpunkt nehmen sie auch die erste feste Nahrung zu sich. Die Säugezeit erstreckt sich über rund 23 bis 25 Tage. Zu diesem Zeitpunkt wiegen die Jungtiere je nach Unterart, Geschlecht und Verbreitungsgebiet zwischen 92 und 103 g. Die Lebenserwartung der Buschschwanzratte liegt bei 3 bis 4 Jahren.

Ökologie Gefährdung und Schutz

Buschschwanzratten gehören heute noch nicht zu den bedrohten Nagerarten. In der Roten Liste der IUCN wird die Art daher als nicht gefährdet geführt. In der Nähe des Menschen gelten die Tiere als Schädling, wobei die Schäden sich aufgrund der geringen Siedlungsdichte in Grenzen halten. Auf Campingplätzen und ähnlichen Orten "stehlen" Buschschwanzratten nicht selten glänzende Materialen. Sie führen sich offensichtlich von allem glitzernden und glänzenden angezogen. In ihrem Ökosystem spielen die Tiere eine durchaus wichtige Rolle, da sie vor allem Raubtieren als Nahrungsgrundlage dienen.

Anhang

Literatur und Quellen

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