Eigentlicher Wollaffe

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Eigentlicher Wollaffe

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Primaten (Primates)
Unterordnung: Trockennasenaffen (Haplorhini)
Familie: Kapuzinerartige (Cebidae)
Unterfamilie: Klammerschwanzaffen (Atelinae)
Gattung: Wollaffen (Lagothrix)
Art: Eigentlicher Wollaffe
Wissenschaftlicher Name
Lagothrix lagotricha
Humboldt, 1812

IUCN-Status
Vulnerable (VU)

Der Eigentliche Wollaffe (Lagothrix lagotricha), der auch Brauner Wollaffe genannt wird, zählt innerhalb der Familie der Kapuzinerartigen (Cebidae) zur Gattung der Wollaffen (Lagothrix).

Inhaltsverzeichnis

Evolution

Eigentliche Wollaffen sind heute nur im nördlichen Südamerika beheimatet. In historischer Zeit erstreckte sich ihr Verbreitungsgebiet über weite Teile Mittelamerikas und die Großen Antillen. Fossile Funde stammen aus dem Oberen Oligozän, also aus einer Zeit vor rund 25 Millionen Jahren. Zu den frühen Vorgängern der Wollaffen gehörte beispielsweise auch Branisella boliviana (Hoffstetter, 1969), der bereits im Unteren Oligozän vor 30 Millionen Jahres in Südamerika, insbesondere in Bolivien, existierte. Die früheste Entwicklung entstammte wahrscheinlich aus dem späten Eozän und hatte ihren Ursprung in der alten Welt. Wie genau die ersten Primaten von Afrika nach Südamerika gelangten, ist noch nicht abschließend geklärt. Gegen Ende des Eozän war Südamerika nicht mehr mit Afrika verbunden. <1>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Eigentliche Wollaffe erreicht je nach Unterart und Geschlecht eine Körperlänge von 46 bis 65 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 62 bis 77 Zentimeter sowie ein Gewicht von 3,6 bis 10,0 Kilogramm. Eigentliche Wollaffen gehören somit zu den größten schwersten Arten innerhalb der Neuweltaffen (Platyrrhini). Weibchen bleiben deutlich kleiner und leichter als Männchen. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen den Geschlechtern sind die deutlich verlängerten Eckzähne der Männchen, die beim Weibchen sehr viel kleiner ausfallen. Das kurze aber dichte Fell verfügt über eine Unterwolle, die vor allem gegen Nässe und Feuchtigkeit schützt. Im Bereich der Extremitäten ist das Fell etwas länger, dies trifft vor allem auf ältere Tiere zu. Das Fell ist je nach Unterart bräunlich bis graubraun, gräulich bis dunkelgrau oder rotbraun bis olivbraun gefärbt. Regional kann die Fellfärbung stark variieren. Der Kopf und die Extremitäten sind in aller Regel etwas dunkler gefärbt als das restliche Fell. Das ventrale Fell ist insgesamt etwas heller als das dorsale Fell. Durch das dichte Fell wirkt der Kopf groß und weist eine fast rundliche Form auf, die Schnauze tritt nur wenig hervor. Die Augen liegen tief in den Augenhöhlen, große Wülste oberhalb der Augen verstärken diesen Eindruck. Das Gesicht ist im Bereich von Augen, Nase und Maul nicht behaart, die Haut ist schwärzlich gefärbt. Der ausgesprochen lange Schwanz dient den Tieren beim Klettern als Greifhilfe und der Stabilisation. Die Finger der Hände und Füße enden in Nägel und sind weit entwickelt. Dies trifft auch auf die Daumen zu.

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Lebensweise

Eigentliche Wollaffen gehören zu den tagaktiven Primaten in Südamerika. Sie leben überwiegend in den Bäumen und kommen eher selten auf den Waldboden hinab. Eigentliche Wollaffen sind ausgesprochen gesellig und leben daher in mittelgroßen bis großen Gruppen, die durchaus aus mehreren Dutzend Tieren bestehen können. Üblicherweise umfasst eine Gruppe zwischen 10 und 20 Tiere. Gruppenstärken von deutlich über 50 Tieren sind jedoch dokumentiert. Eine Gruppe setzt sich aus mehrerer Männchen und Weibchen sowie deren Nachwuchs zusammen. Nicht selten schließen sich mehrere kleine Familiengruppen zu einer größeren Gruppe zusammen. Dabei handelt es sich meist im lose zusammen gesetzten Gruppen, die nur für bestimmte Zwecke gegründet werden. So kommen größere Gruppen beispielsweise während der Nachtruhe oder auch auf der Nahrungssuche zusammen. Je nach Gruppengröße wird ein Revier in einer Größe von fünf bis zehn Quadratkilometer beansprucht. Während der täglichen Nahrungssuche legen die Tiere bis zu einem Kilometer zurück. Unter den Männchen kann es in größeren Gruppen durchaus zu Streitigkeiten kommen, die jedoch meist in Imponiergehabe oder harmlosen Kommentkämpfen enden. Ansonsten herrscht in den Gruppen überwiegend Ruhe und Frieden, gegenseitige Fellpflege gehört zu den täglichen Aktivitäten und stärken den sozialen Zusammenhalt einer Gruppe, juvenile Tiere geben sich einem ausgiebigem Spiel hin. Die Kommunikation untereinander gestaltet sich über die Mimik und Lautäußerungen. Vor allem ihre Mimik ist stark ausgeprägt und vielschichtig.

Unterarten

Wissenschaftlicher Name Erstbeschreiber IUCN-Status Vorkommen
Lagothrix lagothricha cana Geoffroy, 1812 NT östliches Brasilien
Lagothrix lagothricha lagothricha Humboldt, 1812 NT nördliches Südamerika
Lagothrix lagothricha lugens Elliot, 1907 VU Kolumbien und Venezuela
Lagothrix lagothricha poeppigii Schinz, 1844 NT Ecuador und Peru sowie östliches bis zentrales Brasilien

Die Einteilung in Unterarten gilt bis heute als umstritten. Viele Forscher sehen in den Unterarten eigenständige Art und werden daher auch als Grauer Wollaffe (Lagothrix cana), Kolumbianischer Wollaffe (Lagothrix lugens) und Silberner Wollaffe (Lagothrix poeppigii) geführt.

Verbreitung

Eigentliche Wollaffen kommen ausschließlich im nördlichen subtropischen und tropischen Südamerika westlich und östlich der Anden vor. Sie kommen mit mehreren Unterarten insbesondere in Bolivien, dem östlichen Brasilien, in Peru, Kolumbien, Venezuela und Ecuador vor. Die Tiere bewohnen sowohl den Regenwald in den Tälern als auch den Hochlandregenwald. Sie sind in Höhen von über 2.800 Metern anzutreffen. In den zum Teil sehr dichten und feuchten Wäldern halten sich Eigentliche Wollaffen fast ausschließlich im Geäst der Bäume in mittlerer Höhe auf. Den Waldboden betreten sie so gut wie nie. Gelegentlich sind sie auch in Überschwemmungsgebieten und in ausgedehnten Sumpfgebieten beheimatet. Lichte Wälder oder gar offene Flächen werden strikt gemieden.

Ernährung

Eigentliche Wollaffen gelten zwar als Allesfresser, der Großteil ihrer Nahrung besteht jedoch aus pflanzlicher Kost. Nur gelegentlich nehmen sie auch Insekten (Insecta) und deren Larven sowie kleinere wirbellose Tiere zu sich. Zur bevorzugten Nahrung gehören reife Früchte, junge Triebe und Knospen sowie Blätter und Sämereien. Die Zusammensetzung der Nahrung kann saisonal stark schwanken und richtet sich im wesentlichen nach den Jahreszeiten.

Fortpflanzung

Je nach Geschlecht erreichen Eigentliche Wollaffen die Geschlechtsreife mit vier bis sechs Jahren. Weibchen brauchen meist ein bis zwei Jahre länger als Männchen. Aufgrund der langen Trage- und Säugezeit kommt es nur alle zwei Jahre zu Geburten. Es kommt jedoch auch vor, dass ein Weibchen jedes Jahr trächtig wird. Beide Fälle sind dokumentiert. Die Paarungszeit erstreckt sich in den natürlichen Verbreitungsgebieten meist über das ganze Jahr. Die Spitze der Geburten fällt dabei in die Regenzeit. Während dieser Zeit ist Nahrung im Überfluss vorhanden. Nach einer Tragezeit von 220 bis 225 Tagen bringt ein Weibchen ein einzelnes Jungtier zur Welt. Ein Jungtier wiegt bei der Geburt knapp 150 Gramm. Das Junge klammert sich die ersten Wochen instinktiv am Fell der Mutter fest. Ab dem zweiten Lebensmonat klettert es auch schon selbständig umher und wird auch von anderen Mitgliedern einer Gruppe betreut. Die Entwöhnung von der Muttermilch beginnt ab dem fünften oder sechsten Monat, kann sich aber auch über neun bis zehn Monate erstrecken. Im Alter von 12 bis 18 Monaten erreicht der Nachwuchs die Selbständigkeit. Die Lebenserwartung der Eigentlichen Wollaffen beträgt in Gefangenschaft unter kontrollierten Bedingungen rund 25 Jahre. Die Lebenserwartung in Freiheit ist nicht bekannt, sie dürfte aber deutlich darunter liegen.

Gefährdung und Schutz

Eigentliche Wollaffen gehören mittlerweile zu den gefährdeten Primatenarten. Die Unterart Lagothrix lagothricha lugens aus dem Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela gilt als besonders gefährdet. Der Gefahrdungsgrad der anderen drei Unterarten ist nicht ganz so dramatisch. Eigentliche Wollaffen stehen bei der einheimischen Bevölkerung auf der Speisekarte. Die Bejagung dürfte neben der Vernichtung der natürlichen Lebensräume der Hauptgrund für die aktuelle Gefährdung sein. In vom Menschen stark frequentierten Regionen sind die Eigentlichen Wollaffen aufgrund der Bejagung heute selten geworden oder gar ausgestorben. Ein ebenso großes Problem stellt der Fang der Tiere für den internationalen und illegalen Tierhandel dar. Die Tiere werden als Haustiere gehalten oder enden als Labortiere. Eigentlichen Wollaffen werden durch das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) in Anhang II unter Schutz gestellt. Die Tiere werden in der Roten Liste der IUCN je nach Unterart als "Near Threatened" oder "Vulnerable" eingestuft.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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