Europäischer Schlammpeitzger

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Schlammpeitzger

Systematik
Klasse: Strahlenflosser (Actinopterygii)
Unterklasse: Neuflosser (Neopterygii)
Teilklasse: Echte Knochenfische (Teleostei)
Überordnung: Ostariophysi
Ordnung: Karpfenartige (Cypriniformes)
Überfamilie: Schmerlenartige (Cobitoidea)
Familie: Schmerlen (Cobitidae)
Unterfamilie: Steinbeißer (Cobitinae)
Gattung: Schlammpeitzger (Misgurnus)
Art: Europäischer Schlammpeitzger
Wissenschaftlicher Name
Misgurnus fossilis
(Linnaeus, 1758)

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Der Europäische Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis), auch als Wetterfisch bekannt, zählt innerhalb der Familie der Schmerlen (Cobitidae) zur Gattung der Schlammpeitzger (Misgurnus). Im Englischen wird der Europäische Schlammpeitzger Weatherfish, European Weatherfish oder European Weather Loach genannt. Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt.

Der Verband Deutscher Sportfischer (VDSF) e.V., Sitz in Offenbach, hat den Europäischen Schlammpeitzger zum Fisch des Jahres 1987 gewählt. Der Europäische Schlammpeitzger ist eine weit verbreitete Art, jedoch wird die Art allmählich und anhaltend in vielen Gewässern Europas durch Kanalisierung der Flüsse, die die Bildung von Stauwasser, zum Beispiel Altarme, hält und durch die Verschmutzung der Gewässer, insbesondere der Brackgewässer, ausgerottet.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Laut fishbase erreicht der Europäische Schlammpeitzger eine max. Körperlänge von etwa 30,0 Zentimeter, die Normallänge beträgt etwa 15,0 Zentimeter. <1>

Laut fishbase weist der Europäische Schlammpeitzger insgesamt 3 Rückenflossenstacheln, insgesamt 5 bis 6 Rückenflossenweichstrahlen, 3 Afterflossenstacheln, 8 bis 11 Afterflossenweichstrahlen, 49 bis 50 Wirbel und 14 bis 16 Schwanzflossenstrahlen auf. <1>

Der Mund ist mit zehn Bartfäden umgeben. Der Augenstachel ist ziemlich lang und ist von der Hautbedeckung überzogen. Der Körper wirkt sehr gestreckt, nach vorn walzenförmig und nach hinten komprimiert. Des Weiteren zeigen sich 12 bis 14 seitlich zusammengedrückte Schlundzähne mit abgestumpften Spitzen. <2>

Flossenformel des Europäischen Schlammpeitzger
Die Flossenformel setzt sich aus dem ersten Buchstaben der lateinischen Flossenbezeichnung, der Anzahl der Hartstrahlen und der Anzahl der ungeteilten und geteilten Weichstrahlen zusammen. Hartstrahlen werden dabei mit römischen, Weichstrahlen mit arabischen Zahlen angegeben.
D. (Dorsale = Rückenflosse) 3/5-6, A. (Anale = Afterflosse) 3/5, V. (Ventrale = Bauchflosse) 1/5, P. (Pectorale = Brustflosse) 1/10, C. (Caudale = Schwanzflosse) 16. <2>
Europäischer Schlammpeitzger
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Europäischer Schlammpeitzger

Der Europäische Schlammpeitzger besitzt einen kleinen unterständigen, aber sehr beweglichen Mund, der dicht über der Oberlippe mit vier fast gleichweiten voneinander entfernten ziemlich langen Bartfäden besetzt ist. Die fleischige Oberlippe geht in beiden Mundwinkeln in einen längeren Bartfaden über und an der ebenso fleischigen Unterlippe befinden sich zu beiden Seiten des Kinnwinkels ein kürzerer und sehr kurzer Bartfaden. Die beiden beweglichen Suborbitalknochen tragen einen derben und spitzen Stachel, der nach hinten gerichtet und von der Hautbedeckung überwachsen ist. Eine leicht zu übersehende seichte Längsgrube dicht unter den kleinen sehr hoch stehenden Augen deutet die Stelle an, wo die Spitze des Stachels versteckt liegt. Der langgestreckte Körper ist ebenso beweglich und schlüpfrig wie der eines Aals. Die Flossen des Europäischen Schlammpeitzger sind im Verhältnis zur Körpergröße schwach und kurz entwickelt. Die Rücken- und Afterflosse werden nur von fünf bis sechs weichen Strahlen gestützt. Beide, sowohl wie die Afterflosse besitzen einen abgerundeten Rand. Der ganze Körper mit Ausnahme des Kopfes ist mit kleinen rundlichen Schuppen bedeckt, welche dachziegelförmig übereinanderliegen. Nach Heckel und Kner soll die Mittellinie des Rückens und des Bauches unbeschuppt sein. Dies widerlegte Carl Th. Ernst Siebold anhand gründlicher Untersuchungen und stellte dabei fest, dass sich nur hinter der Rücken- und Afterflosse auf der Mittellinie des Hinterrückens und des Schwanzes eine nackte Hautfalte zeigte, während zuweilen am Vorderrücken und am Bauch die Mittellinie sich als eine Längsfurche darstellte. Des Weiteren stellte Carl Th. Ernst Siebold fest, dass die kleinen Schuppen mit einem Mikroskop betrachtet, nicht bloß konzentrisch, sondern rund herum auch radiäre Streifen aufweisen. Heckel und Kner sprechen dagegen diesen Schuppen die Radien ab. Eine Seitenlinie, wie sie von Heckel und Kner angenommen wird, konnte Carl Th. Ernst Siebold bei seinen Untersuchungen auch nicht feststellen. <2>

Der Rücken und die Seiten des Kopfes sowie des Körpers des Europäischen Schlammpeitzger weisen eine ledergelbe Färbung auf, während der Bauch von einer orangegelben Tönung ist. Der Kopf und der Kiemendeckelapparat sowie der Rücken und die Seiten des Körpers sind mit schwarzbraunen Punkten dicht besetzt. Diese liegen oft so nah aneinander, dass sie zu größeren Flecken verschmelzen und eine marmorierte Zeichnung darstellen. An den Seiten des Körper zieht sich eine hinter den Augen beginnende schwarzbraune breite Binde bis zum Schwanzende hin. Ober- und unterhalb dieser breiten Binde vereinigt sich die schwarzbraune Punktierung zu einem schmalen Längsstreifen. Der Bauch erscheint bald mehr bald weniger schwarzbraun punktiert. Die Rücken- und Schwanzflosse weisen immer eine große Anzahl schwarzbrauner runder Flecke auf, die Afterflosse sowie die paarigen Flossen sind nur zuweilen schwarzbraun punktiert. <2>

Lebensweise

Schlundknochen - Europäischer Schlammpeitzger
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Schlundknochen - Europäischer Schlammpeitzger

Laut fishbase ist der Europäische Schlammpeitzger ein potamodromer (Arten, deren Laichwanderungen von Binnenseen in Zuflüsse hineinführen) Grundfisch und hält sich im Unterlauf von langsam fließenden Flüssen auf. Ferner ist er auf schlammigen Böden der Teiche, Tümpel und Gräben zu finden. Tagsüber bleibt der Europäische Schlammpeitzger im Schlamm verborgen. Seine Nahrung besteht aus Insektenlarven und kleinen Weichtieren. Er reagiert empfindlich auf Schadstoffe, die sich im Sediment ansammeln. Der Europäische Schlammpeitzger verfügt über eine Darmatmung. Die Erwachsenen sind nachtaktiv. Bei Trockenheit und strengem Frost wühlt sich der Europäische Schlammpeitzger in Schlamm ein, in der Regel 20 bis 30 Zentimeter tief, manchmal bis zu 70 Zentimeter während der Trockenperiode. <1>

Der Europäische Schlammpeitzger hält sich zum größten Teil in flachen Gegenden, am liebsten in schlammigen Bächen, Sümpfen, Wassergräben, aber auch in der Donau und in kleineren Flüssen auf. Er verbirgt sich gerne in Schlamm, besonders bei kälterer Witterung, was wohl einerseits Veranlassung zur seiner Benennung Schlammbeißer oder Schlammpeitzger gab, andererseits zur Meinung, er entstehe aus Schlamm. Im Frühling verläßt er sein Versteck, um zu laichen und setzt dann seine bräunlich gefärbten Eier an Wasserpflanzen ab. Seine Vermehrung ist stark, sein Leben zäh und zufolge seiner engen Kiemenspalte hält er längere Zeit im Trocknen oder in feuchten Wiesen aus. Er gilt als Wetterprophet (daher sein Name auch Wetterfisch), indem er 24 Stunden vor einem Unwetter an die Oberfläche kommt und durch seine lebhaften Bewegungen das Wasser trübt. Bekannt ist auch seine Eigenheit, Luft einzuschlucken und sie unter Geräusch wieder von sich zu geben. <3>

Verbreitung

Laut der Roten Liste der IUCN weist der Europäische Schlammpeitzger ein großes Verbreitungsgebiet auf, dazu zählen unter anderem Österreich, Belorussland, Belgien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Tschechische Republik, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien, Kasachstan, Lettland, Litauen, Luxemburg, Mazedonien, Moldavien, Montenegro, Niederlande, Polen, Rumänien, Russische Föderation, Serbien, Slowakei, Slowenien, Schweiz und die Ukraine.

Laut der Roten Liste der IUCN ist der Europäische Schlammpeitzger in Europa nördlich der Alpen, von der Maas ostwärts bis zur Flussmündung des Newa und bis zum Ladoga-See sowie im nördlichen Schwarzen Meer, von der Donau ostwärts bis zum Kuban (Fluss im nördlichen Kaukasus und nordöstlich des Schwarzen Meeres) heimisch. Des Weiteren findet man den Europäischen Schlammpeitzger im Kaspischen Meer und in den Zuflüssen der Wolga und des Urals. Südlich der Donau und südlich des Kuban fehlt der Europäische Schlammpeitzger. Nicht heimisch ist er in Großbritannien, Skandinavien, der Apennin-Halbinsel und der Iberischen Halbinsel, der Krim und der Adria, der Ägäis und im Weißen Meer und lokal eingeführt wurde der Europäische Schlammpeitzger in der Rhône Frankreichs.

Laut der Roten Liste der IUCN hält sich der Europäische Schlammpeitzger im Brackwasser und in den Seitenkanälen von Bächen, Flüssen und Seen auf. Er lebt in dicht bewachsenener Vegetation mit weichen, schlammigen Böden. Die Laichgründe befinden sich ebenfalls in dichter Vegetation, oft in den überfluteten Wiesen.

Laut der Roten Liste der IUCN lebt der Europäische Schlammpeitzger in folgenden Habitaten: Feuchtbiotope (Inland), Feuchtgebiete (Inland) wie Flüsse, Bäche, schmale Buchten mit Wasserfällen, permanente Süßwasserseen über 8 Hektar, sowie permanente Süßwassermarschen unter 8 Hektar.

Ernährung

Der Europäische Schlammpeitzger ernährt sich von Makrozoobenthos, dabei schwimmt er langsam über den Boden und gräbt die wirbellosen Tiere aus, die durch den Geruch lokalisiert werden.

Fortpflanzung

Laut der Roten Liste der IUCN laicht der Europäische Schlammpeitzger zum ersten Mal mit 2 bis 3 Jahren bei einer Körperlänge von etwa 110 Millimeter. Die Laichzeit findet in den Monaten von März bis Juli statt. Die Männchen weisen eine größere Brustflosse und eine leichte Anschwellung der flachen, vertikalen Flanken bis zur Basis des Afters auf. Die Männchen folgen den Weibchen in die dichte Vegetation und bilden einen geschlossenen Ring um ihren Körper. Die klebrigen Eier werden in der Vegetation freigesetzt. Nach dem Schlupf bewegen sich die Larven sofort nach unten und verstecken sich im Schlamm. Sie weisen lange externe Kiemenfäden auf, die jedoch nach 10 bis 12 Tagen resorbiert werden. Die Erwachsenen sind nachtaktiv und am Tage liegen sie verborgen im Schlamm, vor allem bei großer Trockenheit und bei starken Frösten graben sie sich etwa 200 bis 300 Millimeter tief in den Schlamm ein, manchmal sogar bis zu 700 Millimeter bei Trockenperioden. Aufgrund der Haut- und Darm-Atmung kann der Europäische Schlammpeitzger in Lebensräumen mit niedrigen Sauerstoff-Konzentrationen gut überleben. Er schluckt häufig Luft und der Sauerstoff wird durch die Wände absorbiert.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Laut der Roten Liste der IUCN ist der Europäische Schlammpeitzger eine weit verbreitete Art, jedoch wird die Art allmählich und anhaltend in vielen Gewässern Europas durch Kanalisierung der Flüsse, die die Bildung von Stauwasser, zum Beispiel Altarme, hält und durch die Verschmutzung der Gewässer, insbesondere der Brackgewässer, ausgerottet. Qualitativ gilt die Art noch nicht als ausgestorben oder gering gefährdet und wird deshalb in der Roten Liste der IUCN als nicht gefährdet (least concern) geführt.

Anhang

Literatur und Quellen

  • [1] Misgurnus fossilis (Linnaeus, 1758)
  • [2] Die Süsswasserfische von Mitteleuropa. Bearbeitet von Carl Th. Ernst Siebold. Professor der Zooologie und Vergleichenden Anatomie in München. Mit 64 Holzschnitten und 2 Farbigen Tafeln. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann. 1863.
  • [3] Süsswasserfische der Östreichischen Monarchie mit Rücksicht auf die angränzenden Länder. Bearbeitet von Jakob Heckel und Dr. Rudolf Kner. Leipzig. Verlag von Wilhelm Engelmann. 1858.
  • Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Fische 1. Vierter Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
  • Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Fische 2, Lurche. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
  • Kurt Deckert: Urania-Tierreich - Fische, Lurche, Kriechtiere. Urania-Verlag Leipzig - Jena - Berlin 1991. ISBN 3-332-00376-3
  • Bent J. Muus: Süßwasserfische Europas. BLV Verlagsgesellschaft mbH. München Wien Zürich, 1990 ISBN 3-405-11867-0
  • Jiri Cihar: Süßwasserfische. Aventinum nakladatelstvi s.r.o., Praha, 1990 ISBN 3-8112-1287-7
  • Fritz Terofal: Süßwasserfische in europäischen Gewässern. Mosaik Verlag GmbH München, 1984 ISBN 01274-0
  • Alwyne Wheeler: Süßwasserfische". Delphin Verlag GmbH, München und Zürich, 1983 ISBN 3-7735-2418-8
  • Peter S. Maitland, Keith Linsell: Süßwasserfische. Alle Arten Europas gezeichnet". Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. Kg, Stuttgart, 2007 ISBN 978-3-440-10962-5

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