Flussneunauge

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Flussneunauge

Systematik
Klasse: Neunaugen (Cephalaspidomorphi)
Ordnung: Petromyzontiformes
Familie: Neunaugen (Petromyzontidae)
Unterfamilie: Petromyzontinae
Gattung: Lampetra
Art: Flussneunauge
Wissenschaftlicher Name
Lampetra fluviatilis
(Linnaeus, 1758)

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Das Flussneunauge (Lampetra fluviatilis), auch als Großes Neunauge oder Flusspricke und unter dem Synonym Petromyzon fluviatilis bekannt, zählt innerhalb der Familie der Neunaugen (Petromyzontidae) zur Gattung Lampetra. Im Englischen wird das Flussneunauge European River Lamprey, River Lamprey oder Lampern genannt. Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt.

Der Verband Deutscher Sportfischer (VDSF) e.V., Sitz in Offenbach, hat das Flussneunauge zur gleichen Zeit wie das Bachneunauge (Lampetra planeri) zum Fisch des Jahres 1988 gewählt. Mit dieser Wahl will der Verband Deutscher Sportfischer (VDSF) e.V. auf eine Kleinfischart aufmerksam machen, die weithin unbekannt ist und in einigen Bereichen aufgrund der Wasserverschmutzung und Vernichtung der Lebensräume immer noch sehr selten vorkommt. Jedoch hat sich die Population mittlerweile in Mitteleuropa und Westeuropa wieder erholt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Laut fishbase kann das Flussneunauge eine max. Körperlänge von 50,0 Zentimeter erreichen. Das Männchen erreicht eine Körperlänge von etwa 35,0 Zentimeter und das Weibchen eine Körperlänge von etwa 32,0 Zentimeter. Das max. Gewicht liegt bei etwa 150 Gramm. Die Lebenserwartung des Flussneunauge beträgt etwa 10 Jahre. <1>

Laut fishbase weist das Flussneunauge insgesamt 0 Rückenflossenstacheln, insgesamt 0 Rückenflossenweichstrahlen, 0 Afterflossenstacheln, 0 Afterflossenweichstrahlen und nur schwach entwickelte Flossen auf. Der Körper ist anguilliform (aalartig). Des Weiteren zeigen sich zwei Rückenflossen und eine typische Anordnung der scharfen Zähne im Mund. Dorsal ist die Färbung braun, jedoch nicht marmoriert. Die Seiten sind goldgelb gefärbt und die Unterseite ist von einer weißlichen Tönung. <1>

Die Saugscheibe trägt in der Mitte einen einfachen Kreis größerer Zähne, von denen je drei die innere Mundöffnung jederseits umgebende Zähne die größten und zugleich zweispitzig sind. Den Rand der Saugscheibe hält eine einfache Reihe sehr kleiner Zähne besetzt. Statt Oberkiefers ist eine halbmondförmige jederseits mit einem starken spitzen Zahn endigende Hornleiste vorhanden. Die Stelle des Unterkiefers vertritt eine bogenförmige mit sieben sehr spitzen Zähnen besetzte Hornleiste, deren Eckzähne die übrigen fünf an Größe überragen. Die zweite Rückenflosse ist von der ersten durch einen Zwischenraum getrennt und ist in der Mitte in eine stumpfe Spitze erhöht. <2>

Oberkiefer-Zähne und Unterkiefer-Zähne des Flussneunauge
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Oberkiefer-Zähne und Unterkiefer-Zähne des Flussneunauge

Der Körper ist wie bei dem Bachneunauge (Lampetra planeri) aalartig. Der Rumpf ist gegen den Schwanz komprimiert. Der Kopf ist schmäler als der Vorderrumpf. Die größte Dicke zwischen den Kiemenöffnungen kommt 2/3 der Körperhöhe gleich. Die Länge des Kopfes bis zum letzten Kiemenloch gerechnet, ist 4 2/3 bis 5 mal in der Gesamtlänge enthalten. Der Mund ist endständig, nahezu kreisrund, von vorn nach hinten und unten schief gestellt. Die fleischigen Lippen bilden um den Mund einen Kranz von sehr kurzen Fransen, innerhalb deren eine parallele Reihe kaum sichtbarer und leicht ausfallender Zähnchen in den Lippen stecken. Auf diese folgt nach einwärts wieder eine Reihe warzenähnlicher Zähne, noch weiter nach innen stehen 2 Reihen etwas größerer Zähne im Zickzack. Weiter zurück liegt oben quer eine gelblich-weiße Platte scharfem Rand, die jederseits in eine aufragende Zahnspitze sich verlängert und ihr gegenüber liegt, dem Unterkiefer entsprechend ebenfalls quer ein bogenförmiges Stück mit 5 scharfen Sägezähnen und 2 längeren Endspitzen. Den Raum seitlich zwischen diesen beiden Kieferplatten nehmen jederseits 3 quer gestellte ovale Plättchen ein, von denen das mittlere am größten ist, und die gleichfalls in 1 bis 3 Zahnspitzen sich erheben. Hinter der Unterkieferplatte ragen abermals ein Paar auf einem Wulst der Schleimhaut sitzender Zähne auf und im Hintergrund des Mundes bildet die als Pumpenstempel wirkende Zunge den Verschluß. Ihr vorderes Ende trägt eine quer liegende halbmondförmige, hornbraune Platte, deren Rand in eine mittlere, lange Spitze und jederseits in 6 kürzere spitze Zähnchen ausläuft, manche ähneln den Haifischzähnen. <3>

Der Durchmesser schwankt je nach Alter und Größe zwischen 1/9 und 1/12 der Kopflänge, diese bis zum letzten Kiemenloch gerechnet. Es steht 3 bis 3 1/2 Diameter vom oberen Lippenrand ab, vom anderen Auge bei den Jugendlichen etwas über 1/2, bei den Erwachsenen 2, vom letzten Kiemenloch aber bei den letztgenannten 7 und bei den ersteren nur 4 1/2 Diameter entfernt. Vor und zwischen den Augen liegt die runde Nasenöffnung. Die Kiemenlöcher stellen längliche senkrechte Spalten dar, während der hintere Spalt gekerbt oder gezähnelt erscheint. Die Kiemenlöcher stehen in gleichen Abständen zu je 1 Augendurchmesser voneinander entfernt und das erste Kiemenloch 1 1/2 hinter dem Auge. Die beiden Rückenflossen sind voneinander getrennt. Die erste Rückenflosse beginnt in oder hinter der halben Gesamtlänge, sie wirkt kurz, abgerundet und ist etwas niedriger als die zweite Rückenflosse, welche bald hinter der ersten Rückenflosse anfängt und kurz nach dem Anfang die größte Höhe, nämlich die halbe Körperhöhe erreicht oder sie sogar übertrifft, gegen den Schwanz aber niedriger wird und mit der Caudal- und Afterflosse verschmilzt. Die Afterflosse ist sehr kurz und oft nur wenig erhaben und die bis an den After reichende Kante nur leicht angedeutet ist. Die Rückenflossen scheinen zwar blosse Fettflossen zu sein, sind aber durch knorpelige, sich auch gablig teilen Strahlen gestützt. Der After liegt im letzten Viertel der Gesamtlänge, hinter ihm auch hier die an der Spitze durchbohrte Urogenital-Papille. Die Seitenlinie ist nicht sichtbar, jedoch zeigt sich eine Reihe von Poren hinter und über den Augen, ferner den bis gegen die Oberlippe sich fortsetzenden Suborbitalast und die quer liegende Hinterhaupts-Anastomose. Die Rückeseite weist eine grünlichblaue Färbung mit Stahlglanz auf, die Seiten sind gelblich gefärbt, währen der Bauch von einer silberweißen Tönung ist. Die Flossen sind violett gefärbt. Die Iris weist eine goldgelbe Tönung auf und ist mit drei dunklen Flecken besetzt. <3>

Lebensweise

Laut der Roten Liste der IUCN ist das Flussneunauge im Gegensatz zum Bachneunauge (Lampetra planeri) ein Prädator. Die Erwachsenen wandern vom Herbst bis zum Frühling in die Flüsse. Das Flussneunauge ist hauptsächlich nachtaktiv. Bei niedrigen Temperaturen stellt die Art seine Aktivitäten ein. Die Laichzeit beginnt, wenn die Wassertemperatur über 9 Grad Celsius liegt. Die Laichzeit ist je nach Verbreitungsgebiet unterschiedlich. In Frankreich laicht das Flussneunauge ab Ende März und in Finnland Mitte Juni. Die Individuen reproduzieren nur an sonnigen Tagen. Die Männchen fächeln bei schnell fließender Strömung flache Nestmulden auf. Mehrere Weibchen laichen in großen Ansammlungen zur gleichen Zeit ab. Nach dem Laichen sterben die Erwachsenen in der Regel. Die Ammocoetes-Phase dauert etwa 3 bis 4 Jahre. Die Larven ernähren sich im Ammocoetes-Zustand von Schwebstoffen und Mikroorganismen. Nach der Metamorphose, die vom Spätsommer bis zum späten Herbst dauert, überwintern die meisten Jugendlichen im Süwasser und wandern im Frühling ins Meer. Die Erwachsenen erbeuten im Meer eine Vielzahl von Fischarten, vor allem Heringe (Clupeidae) und Dorsche (Gadidae) werden bevorzugt. Bevor die Erwachsenen zu den Laichplätzen migrieren, nehmen sie noch Nahrung zu sich. Einige Individuen ernähren sich nur für einen einzige Sommer bevor sie Laichen. Die Binnen-Population im Loch Lomond ernährt sich nur für einen Sommer. Sie stellt dann die Ernährung ein und wandert im Herbst in den Fluss Endrick zu den Laichplätzen.

Verbreitung

Flussneunauge mit Kopfansicht unten
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Flussneunauge mit Kopfansicht unten

Laut der Roten Liste der IUCN kommt das Flussneunauge in folgenden Verbreitungsgebieten vor: Belorussland, Belgien, Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Guernsey, Irland, Isle of Man, Jersey, Lettland, Litauen, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Russische Föderation, Schweden, Ukraine und Vereinigtes Königreich.

Laut der Roten Liste der IUCN ist das Flussneunauge in Irland, im Norden Großbritanniens bis nach Schottland verbreitet. Des Weiteren kommt das Flussneunauge an Atlantikküste Frankreichs, in der nördlichen Nordsee bis Schottland und in Bergen (Norwegen) sowie in der Nord- und Ostsee vor. Ferner ist das Flussneunauge im Mittelmeerraum Frankreichs und an der westlichen Küste Italiens anzutreffen. Gelegentlich hält sich das Flussneunauge auch in der Adria und im Ionischen Meer sowie an den Küsten der Iberischen Halbinsel auf. Bekannt sind Binnen-Populationen im Ladoga-See und in der Onega-Bucht (Russland) sowie im Loch Lomond nörldich von Glasgow und in einigen Seen in Finnland. Möglichweise ist das Flussneunauge auch im größten See Lough Neagh der Britischen Inseln zu finden.

Laut der Roten Liste der IUCN kommt das Flussneunauge in folgenden Habitaten vor: Feuchtgebiete (Inland) wie Flüsse, Bäche, schmale Buchten mit Wasserfällen, uferfernen Freiwasserbereiche, Flussmündungen und in Flachseezonen vor.

Laut der Roten Liste der IUCN leben die Erwachsenen in Küstengewässern und in Flussmündungen und laichen in starken Strömungen von Flüssen und Bächen. Die Ammocoetes-Larven leben im schuttreichen Sand oder in Lehm-Sedimenten.

Ernährung

Die Larven ernähren sich im Ammocoetes-Zustand von Schwebstoffen und Mikroorganismen. Die Erwachsenen erbeuten im Meer eine Vielzahl von Fischarten, vor allem Heringe (Clupeidae) und Dorsche (Gadidae) werden bevorzugt. Bevor die Erwachsenen zu den Laichplätzen migrieren, nehmen sie noch Nahrung zu sich. Einige Individuen ernähren sich nur für einen einzige Sommer bevor sie Laichen. Die Binnen-Population im Loch Lomond ernährt sich nur für einen Sommer. Sie stellt dann die Ernährung ein und wandert im Herbst in den Fluss Endrick zu den Laichplätzen.

Fortpflanzung

Laut fishbase leben die Erwachsenen im Meer, aber nicht so weit von der Küste entfernt wie das Meerneunauge (Petromyzon marinus). Im Herbst migrieren die Erwachsenen vom Meer in die Flüsse zu den Laichgründen. Während der reproduktiven Migration nehmen die Erwachsenen dann keine Nahrung mehr zu sich und zehren von ihren Fettreserven. Das Laichen erfolgt in der vorher aufgefächerten Mulde im Flussbett, die Tiefe liegt zwischen 50 Zentimeter und 1 Meter. Die blinden Ammocoetes-Larven filtrieren Schwebstoffe und Mikroorganismen und leben meist vergraben im Flussbett. Die Metamorphose erfolgt mit einer Körperlänge von etwa 13 Zentimeter. Die Jugendlichen wandern dann ins Meer und leben dort bis sie erwachsen sind und sich Fettreserven angefressen haben, dies dauert etwa ein Jahr. <1>

Beide Geschlechter zeigen zwar äußerlich keine Unterschiede, die Männchen scheinen aber seltener als die Weibchen und durchweg kleiner zu sein. Der unpaarige Hoden der Männchen liegt in der Mittellinie, ist quer in zahlreiche Läppchen eingeschnitten und endet unter dem vorderen Leberlappen mit einem spitzen Lobus (Lappen). Die Eierstöcke der Weibchen erstrecken sich durch die ganze Länge der Bauchhöhle ebenfalls bis an den vorderen Rand der Leber bzw. bis zur Scheidewand des letzten Kiemenloches. Der Darmkanal verläuft geradlinig und eine deutliche Magenerweiterung zu bilden. Die Leber liegt mit ihrem längeren, spitzen Lappen nach rechts. Die Nieren nehmen bei den Weibchen nur die halbe Länge der Ovarien ein. <3>

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Aufgrund der Zerstörung der Lebensräume und der erheblichen Wasserverschmutzung nahmen die Bestände dieser Art in Mittel- und Westeuropa drastisch ab. Laut der Roten Liste der IUCN haben sich die Bestände dieser Art allmählich erholt und wird deshalb in der Roten Liste der IUCN als nicht gefährdet (least concern) geführt.

Anhang

Literatur und Quellen

  • [1] Lampetra fluviatilis (Linnaeus, 1758)
  • [2] Die Süsswasserfische von Mitteleuropa. Bearbeitet von Carl Th. Ernst Siebold. Professor der Zooologie und Vergleichenden Anatomie in München. Mit 64 Holzschnitten und 2 Farbigen Tafeln. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann. 1863.
  • [3] Süsswasserfische der Östreichischen Monarchie mit Rücksicht auf die angränzenden Länder. Bearbeitet von Jakob Heckel und Dr. Rudolf Kner. Leipzig. Verlag von Wilhelm Engelmann. 1858.
  • Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Fische 1. Vierter Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
  • Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Fische 2, Lurche. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
  • Kurt Deckert: Urania-Tierreich - Fische, Lurche, Kriechtiere. Urania-Verlag Leipzig - Jena - Berlin 1991. ISBN 3-332-00376-3
  • Bent J. Muus: Süßwasserfische Europas. BLV Verlagsgesellschaft mbH. München Wien Zürich, 1990 ISBN 3-405-11867-0
  • Jiri Cihar: Süßwasserfische. Aventinum nakladatelstvi s.r.o., Praha, 1990 ISBN 3-8112-1287-7
  • Fritz Terofal: Süßwasserfische in europäischen Gewässern. Mosaik Verlag GmbH München, 1984 ISBN 01274-0
  • Alwyne Wheeler: Süßwasserfische". Delphin Verlag GmbH, München und Zürich, 1983 ISBN 3-7735-2418-8
  • Peter S. Maitland, Keith Linsell: Süßwasserfische. Alle Arten Europas gezeichnet". Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. Kg, Stuttgart, 2007 ISBN 978-3-440-10962-5

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