Höhlenflohkrebs

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Höhlenflohkrebs

Systematik
Klasse: Höhere Krebse (Malacostraca)
Unterklasse: Eumalacostraca
Überordnung: Ranzenkrebse (Peracarida)
Ordnung: Süßwasserflohkrebse (Amphipoda)
Unterordnung: Gammaridea
Familie: Najnidae
Gattung: Höhlenflohkrebse (Niphargus)
Art: Höhlenflohkrebs
Wissenschaftlicher Name
Niphargus schellenbergi
Karaman, 1932

Der Höhlenflohkrebs (Niphargus schellenbergi) zählt innerhalb der Familie Najnidae zur Gattung der Höhlenflohkrebse (Niphargus). Der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher wählte erstmals ein "Höhlentier des Jahres", und zwar wurde der Höhlenflohkrebs zum Höhlentier des Jahres 2009 gekürt. Der Höhlenflohkrebs wurde nach dem Zoologen Prof. Adolf Schellenberg benannt. Sein großes Interesse galt insbesondere der Gattung der Höhlenflohkrebse (Niphargus) und beschrieb zahlreiche Arten aus dieser Gattung.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der männliche Höhlenflohkrebs erreicht eine Körperlänge bis zu 30 Millimeter und der weibliche Höhlenflohkrebs eine Körperlänge von etwa 10 bis 18 Millimeter. Aufgrund der Lebensweise im Grundwasser von Höhlen ist der Höhlenflohkrebs ein blinder weißlicher, durchscheinender Süßwasserflohkrebs, d. h. dass der gesamte Körper des Höhlenflohkrebses pigmentlos ist. Ferner fehlen bei dieser Art auch die Augenflecken, d. h. die Augen haben sich aufgrund der Lebensweise rückgebildet. Ein wichtiges Merkmal bei dieser Art ist zum Beispiel die I. Maxille mit einer Endborste. Weiterhin weist er auf dem Rücken des Telson (letztes Segement am Hinterleib) keine Stacheln auf, jedoch zeigen sich am Rand des Telson mehrere lange Endstacheln. Ferner sind die II. und III. Coxalplatte (Hüftplatte) des Männchens in der Mitte deutlich breiter als lang. Die II. und IV. Coxalplatte des Männchens sind fast quadratisch bis etwas länger, die des Weibchens deutlich länger als breit. Palma des I. Gnathopoden (Laufbeinpaar) schräg, die des II. bei adulten Tieren sehr schräg. Der Hinterrand am Propodus (Spaltbein) des II. Gnathopoden ist nur halb so lang. Der Außenast des I. Uropoden (Springbein) beim Männchen ist nicht kürzer, oft ist dieser beträchtlich länger als der Innenast. Ferner zeigt sich eine Hypertrophie (Vergrößerung) des III. Uropoden-Außenastes. Das II. Urosegment ist jederseits mit einem Stachel besetzt. Die Harnsäure-Zellen bei dem Höhlenflohkrebs befinden sich an der Unterseite.

Lebensweise

Vorteilhaft wirkt sich für den Höhlenflohkrebs der unterirdischen Gewässer sicher die völlige Ausschaltung des Einflusses der Jahreszeiten aus. Die Wassertemperatur ist stets gleichmäßig niedrig und schwankt nur etwa zwischen 8 und 10 Grad Celsius. So stellt das Grundwasser in dieser Hinsicht zweifellos einen günstigen Lebensraum für den Höhlenflohkrebs dar. Wesentliche Merkmale des Lebensraumes sind völlige Dunkelheit, weitgehende Temperaturkonstanz, hohe Luftfeuchtigkeit, Nahrungsarmut und die verfügbare Räumlichkeit ist äußerst beschränkt. Die Lebensbedingungen im Grundwasser sind vergleichsweise stabil, denn der speziell angepaßte Höhlenflohkrebs reagiert zeitlich und räumlich empfindlich auf die jeweiligen Umweltbedingungen. Da alle Lebensfunktionen stark verlangsamt sind, wird der Höhlenflohkrebs bis zu fünfzehnmal älter als seine oberirdisch lebenden Verwandten. Die räuberische Lebensweise des Höhlenflohkrebses tritt nur fakultativ auf, d. h. fallweise möglich, aber nicht zwingend.

Verbreitung

Nach Schellenberg (1942) ist die Art im Grundwasser Mitteleuropas weit verbreitet. Des Weiteren ist der Höhlenflohkrebs auf das mitteldeutsche Gebirgs- und Hügelland westlich der Elbe beschränkt. Ferner kommt er in Belgien und der Nordhälfte von Frankreich vor. Die Lebensräume sind unter anderem ruhig fließende Wassergräben, Schotter der Flusstäler, Brunnen, Quellen, Höhlen mit Grundwasser sowie Tümpel. Der Höhlenflohkrebs ist die Form des fließenden Wasser und bewohnt den gebirgigen Teil. In einigen mitteleuropäischen Regionen leben Niphargus aquilex, Niphargus schellenbergi und Niphargus fontanus in Sympatrie. Diese drei Arten sind morphologisch sehr ähnlich, jedoch mit sehr unterschiedlichen und teilweise widersprüchlich diagnostischen Merkmalen.

Ernährung

Der Höhlenflohkrebs ist ein echter Grundwasserbewohner nur zur Nahrungsaufnahme erscheint der Höhlenflohkrebs an die Oberfläche. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus zerfallenen organischen Substanzen (Detritus). Er ernährt sich aber auch von kleinen tierischen Stoffen. Die Art gehört zur Gilde der Zerkleinerer. Die Zerkleinerer bewirken, dass das organische Material besser im Lückensystem transportiert werden kann und für kleinere Formen (Meiofauna) in einer günstigeren Größe vorliegt. Neben Sediment ernährt sich der Höhlenflohkrebs von Bakterien (Bacteria), toten oder lebenden Artgenossen, von Larven der Zweiflügler (Diptera), Wenigborstern (Oligochaeta) sowie von Ruderfußkrebsen (Copepoden). Halten sich mehrere hungrige Höhlenflohkrebse auf engstem Raum auf und herrscht Nahrungsknappheit, so kann es passieren, dass der Höhlenflohkrebs seine eigenen Artgenossen überwältigt und verspeist.

Fortpflanzung

Höhlenflohkrebse häuten sich zehnmal im Wachstum innerhalb von drei bis vier Monaten. Ende Januar, schon etwa acht Tage vor der Reifehäutung, verhakt das Männchen sich mit dem Weibchen. Gleich nach der Häutung übergibt das Männchen den Samen in den zwischen den Vorderbeinen entstehenden Brutraum des Weibchens. Dort entwickeln sich die 20 bis 200 befruchteten Eier innerhalb von drei bis sechs Wochen zu fertigen Krebsen, die noch für eine Weile Schutz beim Weibchen suchen. Das Weibchen brütet etwa sechs- bis neunmal in ihrem ein- bis zweijährigem Leben. Die Geschwindigkeit des Wachstums und der Fortpflanzung hängt von der Temperatur ab.

Ökologie

Das Grundwasser ist von einer artenreichen und angepaßten Tierwelt besiedelt, die zur Offenhaltung der Porenräume beiträgt und die Selbstreinungskraft der Grundwasserleiter fördert. Grundwasserabsenkungen und Schadstoffe gefährden diesen unterirdischen Lebensraum zunehmend. Die Auswirkungen der genannten negativen Faktoren auf das Grundwasser sind noch unklar und kaum abzuschätzen, da das Wissen bzw. die Ökologie darüber noch sehr lückenhaft ist. Bei Grundwasserabsenkungen oder bei zuströmendem Oberflächenwasser verändern sich die Lebensbedingungen und die Lebensgemeinschaft in charakteristischer Weise, indem Grundwasserarten durch grundwasserfremde Tiere verdrängt werden. Das Grundwasser zeigt besonders deutlich wie Mensch und Umwelt miteinander verwoben sind. Daher ist es eine zentrale Aufgabe, die Bedeutung des Grundwassers als Lebensraum einer breiten Öffentlichkeit bewußt zu machen und eine weitere zentrale Aufgabe ist der Schutz der Fauna im Grundwasser für die kommenden Jahre.

Literatur

  • Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Prof. Dr. Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Koehler, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Bernhard Rensch, Prof. Dr. Peter Rietschel und Prof. Dr. Erich Thenius: Grzimeks Tierleben. Niedere Tiere. Erster Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG, München Oktober 1993. ISBN 3-423-05970-2
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