Husmanns Brunnenschnecke

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Husmanns Brunnenschnecke
Gehäuse

Systematik
Klasse: Schnecken (Gastropoda)
Unterklasse: Orthogastropoda
Überordnung: Caenogastropoda
Ordnung: Sorbeoconcha
Unterordnung: Hypsogastropoda
Teilordnung: Littorinimorpha
Überfamilie: Rissooidea
Familie: Schnauzenschnecken (Hydrobiidae)
Unterfamilie: Horatiinae
Gattung: Bythiospeum
Art: Husmanns Brunnenschnecke
Wissenschaftlicher Name
Bythiospeum husmanni
(Boettger, 1963)

Die Husmanns Brunnenschnecke (Bythiospeum husmanni), auch unter dem Synonym Paladilhiopsis husmanni bekannt, zählt innerhalb der Familie der Schnauzenschnecken (Hydrobiidae) zur Gattung Bythiospeum. Diese Art erhielt seinen wissenschaftlichen Namen 1963 von dem deutschen Zoologen Prof. Dr. Caesar Rudolf Boettger. Der Trivialname Brunnenschnecke war aufgrund des Lebensraumes dieser Art namensgebend.

Das Kuratorium "Weichtier des Jahres" (begründet von Dr. Karl-Heinz Beckmann) wählte die Husmanns Brunnenschnecke (Bythiospeum husmanni) zum Weichtier des Jahres 2009. Mit dieser winzigen Schnecke soll stellvertretend auf die wenig bekannte Lebensweise und auf das Fortpflanzungsverhalten des in seiner Ausdehnung riesigen – heute zunehmend bedrohten – unterirdischen Lebensraums im Grundwasser der Fluss-Schotter und des Karsts und dessen spektakuläre Erforschung aufmerksam gemacht werden.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Husmanns Brunnenschnecke erreicht eine Körperlänge von etwa 3 bis 4 Millimeter. Das turmförmige Gehäuse und der Körper weisen eine weißliche Färbung auf, die im frischen Zustand fast durchsichtlich und glatt sind. Die unterirdische lebende Form Husmanns Brunnenschnecke ist meist völlig pigment- und augenlos. Der transparente Körper setzt sich aus einem spiralförmigen Eingeweidesack, einem Fuß, der zum Kriechen und Festheften dient sowie aus einem Kopf mit zwei dünnen Tentakeln zusammen. An der Basis der Tentakeln zeigen sich einige weißliche Pigmentkörnchen, die die Stelle der zurückgebildeten Augen markieren. Der vordere Kopfbereich ist zu einer rüsselartigen Schnauze ausgebildet. Im hinteren Kopfbereich zeigen sich zwei nierenförmige rote Flecken, die sogenannten Zungenknorpel, an denen die Muskulatur der mit vielen Reihen von jeweils sieben Zähnchen besetzten Raspelzunge (Radula) ansetzt, die zum Ergreifen der Nahrung dient. Mit der Raspelzunge schabt die Brunnenschnecke organische Reste und Mikroorganismen wie zum Beispiel Bakterien von den Steinen, auf denen sie sich aufhält. An der Oberseite des Fußes trägt die Brunnenschnecke einen hornigen oder kalkigen Deckel (Operculum). Auf diesem hornigen Deckel siedeln koloniebildende Einzeller. Mit dem Deckel wird die Mündung des Gehäuses verschlossen, wenn das Tier sich zur Ruhe (etwa beim Austrocknen des Gewässers) oder bei Gefahr darin zurückgezogen hat. Die Husmanns Brunnenschnecke ist getrenntgeschlechtig. In die Mantelhöhle zwischen dem Kopf und der letzten Körperwindung ragen Kiemenlamellen. Damit der Penis genügend Platz hat, sind die Kiemenlamellen bei dem Männchen zarter ausgebildet als bei dem Weibchen.

Lebensweise

Die Lebensweise der winzigen Süßwasserschnecke ist nahezu unbekannt. Neben Höhlen- und Spaltengewässern lebt die Brunnenschnecke in Schotterablagerungen von Flüssen und Brunnen. Selten siedelt die Husmanns Brunnenschnecke im Brackwasser wie zum Beispiel die Gemeine Wattschnecke (Hydrobia ulvae) oder auf feuchtem Boden in Küstennähe. Der gesamte Lebenszyklus dieser Schnecke läuft im Untergrund ab. Die Husmanns Brunnenschnecke kann nur im extrem sauberen und gleichmäßig kühlem Grundwasser überleben. So kann das Grundwasser zur Trinkwasserversorgung, wo Brunnenschnecken vorkommen, für unbedenklich gewertet werden.

Verbreitung

Wulfbachquelle bei Mühlheim an der Donau
vergrößern
Wulfbachquelle bei Mühlheim an der Donau

Die nur wenige Millimeter lange Brunnenschnecke konnte bislang in Deutschland, Frankreich, in der Schweiz, in Österreich, Ungarn, Slowenien, Norditalien sowie in den Balkanstaaten nachgewiesen werden. Die Ablagerung einer Quelle als Karstwasseraustritt zeigt beispielhaft den Formen- und Individuenreichtum der unterirdischen Lebensräume. Im Sediment kommen vier endemische Arten vor, die nur aus den niederösterreichischen Alpen bekannt sind. Die Brunnenschnecken der Unterfamilie Horatiinae sind meist grundwasser-, höhlen- und quellbewohnende Arten. Die Artenzahl und Gestaltvielfalt nehmen von Süden nach Norden ab. Daher ist die Systematik der Brunnenschnecken noch sehr unsicher. Das Wissen über die Verbreitung von der Husmanns Brunnenschnecke konnten die niederländischen Wissenschaftler Wim Kuijper und Edmund Gittenberger noch erweitern, indem sie diese Art aus prähistorischen und mittelalterlichen Ablagerungen des Rheins in Gelderland (Provinz in der östlichen Mitte der Niederlande), etwa 150 Kilometer nordwestlich von Schwerte (liegt südöstlich von Dortmund an der Ruhr im östlichen Ruhrgebiet), bekannt machten.

Ernährung

Je nach Lebensraum ist die Ernährungsweise und auch die Nahrungsaufnahme der Brunnenschnecken sehr unterschiedlich. So gelang es in der Wulfbachquelle bei Mühlheim an der Donau mittels Makrofotografie die Brunnenschnecken und deren spiralförmige Kriechspuren im Höhlenlehm zu fotografieren. Diese Spuren entstehen, wenn sich die Brunnenschnecken durch das Sediment hindurch fressen, welches wahrscheinlich eingeschwemmtes organisches Material wie zum Beispiel Detritus (bezeichnet zerfallene organische Substanz im Zustand der Aufschließung) enthält.
Lebensraum der Brunnenschnecke - Blautopf
vergrößern
Lebensraum der Brunnenschnecke - Blautopf
Kotpillen innerhalb dieser Fressspuren belegen dies eindeutig (Brümmer et. al., 2005). Im Gegensatz zu den Brunnenschnecken der Wulfbachquelle, halten sich die Brunnenschnecken im Blautopf (Karstquelle am Südostrand der Schwäbischen Alb) hauptsächlich an den eisenmanganüberkrusteten Seitenwänden und im Deckenbereich auf. Aufgrund dessen wird angenommen, dass sich die Brunnenschnecken aus dem Blautopf-Gebiet von Bakterien und Überzügen an den Höhlenwänden ernähren. In der Regel ernähren sich die Brunnenschnecken von organischen Resten und Mikroorganismen wie zum Beispiel Bakterien von den Steinen, die sie mit der Raspelzunge abschaben.

Fortpflanzung

Bereits seit 1905 sind die Brunnenschnecken bekannt. Aber gerade die Brunnenschnecken bereiten in vielfacher Hinsicht große Probleme. So ist weder ihre Lebensweise und ihr Fortpflanzungsverhalten kaum bekannt, noch kennt man nicht alle vorkommenden Arten. Des Weiteren sind die heute gebräuchlichen Artnamen sehr verwirrend, was aufgrund der unsicheren Systematik zurückzuführen ist. Der unzureichende Kenntnisstand über die Brunnenschnecken ist die hauptsächliche Ursache. Trotzdem versuchen seit der Entdeckung der im Verborgenen lebenden Brunnenschnecken zahlreiche Wissenschaftler die Lebensweise und auch das Fortpflanzungsverhalten mit modernster Methodik zu ergründen. Wegen der schwierigen Auffindung bleibt noch ein großer Forschungsbedarf, der nur mit viel idealistischem Einsatz der Wissenschaftler zu bewältigen ist.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Michael P. Kerney, Robert A. D. Cameron, Dr. Dr. Jürgen H. Jungbluth: Die Landschnecken Nord- und Mitteleuropas. Ein Bestimmungsbuch für Biologen und Naturfreunde. Hamburg und Berlin, Verlag Paul Parey, 1983 ISBN 3-490-17918-8
  • Rainer Willmann: Muscheln und Schnecken der Nord- und Ostsee. Verlag J.Neumann-Neumann GmbH & Co. KG, 1989 ISBN 3-7888-0555-2
  • Dr. Václav Pfleger: Schnecken und Muscheln Europas. Land- und Süßwasserarten. Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde Franckh'sche Verlagshandlung Stuttgart 1984 ISBN 3-440-05261-3
  • Prof. Dr. Dr. hc Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Rupert Riedl, Prof. Dr Erich Thenius: Weichtiere Stachelhäuter. Dritter Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, Oktober 1993 ISBN 3-423-05970-2
  • Rosina Fechter/Gerhard Falkner: Weichtiere. Europäische Meeres- und Binnenmollusken. Herausgegeben von Gunter Steinbach, Illustriert von Fritz Wendler. 1990 Mosaik Verlag GmbH, München 54321, Gesamtherstellung Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh. Printed in Germany. ISBN 3-570-03414-3
  • Dipl.-Ing. Rainer Straub: Untersuchungen zu Brunnenschnecken der Gattung Bythiospeum aus der Blautopfhöhle bei Blaubeuren/Schwäbische Alb.

Weblinks

'Persönliche Werkzeuge