Mäuseöhrchen

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Mäuseöhrchen

Taxonomie
Klasse: Schnecken (Gastropoda)
Unterklasse: Orthogastropoda
Überordnung: Heterobranchia
Ordnung: Lungenschnecken (Pulmonata)
Unterordnung: Altlungenschnecken (Archaeopulmonata)
Teilordnung: Acteophila
Überfamilie: Ellobioidea
Familie: Ellobiidae
Gattung: Myosotella
Art: Mäuseöhrchen
Wissenschaftlicher Name
Myosotella myosotis
Draparnaud, 1801

Das Mäuseöhrchen (Myosotella myosotis), auch unter den Synonymen Ovatella myosotis, Alexia myosotis und Phytia myosotis bekannt, zählt innerhalb der Familie Ellobiidae zur Gattung Myosotella. Im Englischen wird das Mäuseöhrchen Mouse-ear marshsnail, European Melampus sowie Mouse Ear Ovatella genannt.

Das Kuratorium "Weichtier des Jahres" (begründet von Dr. Karl-Heinz Beckmann) wählte das Mäuseöhrchen (Myosotella myosotis) zum Weichtier des Jahres 2008. Mit der Wahl dieser Art, die in küstennahen Salzwiesen lebt, soll auch auf den gefährdeten Lebensraum mit den extremen Umweltbedingungen aufmerksam gemacht werden.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Das Gehäuse des adulten Mäuseöhrchens ist acht bis elf Millimeter hoch und drei bis vier Millimeter breit. Es ist verlängert eiförmig und mit einem spitzkonischen Gewinde versehen. In dem Gehäuse befinden sich acht bis neun schwach gewölbte, sich regelmäßig erweiternde Umgänge, letztere sind stark zunehmend. Mit bloßem Auge kaum erkennbar, ist das Gehäuse mit einigen gepunkteten Spirallinien und mit einer Reihe von kurzen Haaren versehen. Die Haare sind Bildungen des Periostracums, unter anderem dient es als Schutzschicht für die darunterliegenden Schichten des Gehäuses. Die Haare können durch Abrieb verlorengehen, hinterlassen jedoch kleine Narben oder kaum sichtbare Gruben und Vertiefungen. Die Naht ist mäßig eingetieft und die Basis ist gerundet. Die Mündung ist fast vertikal, schmal, oben lang zugespitzt, oben leicht gewinkelt und nimmt etwa zwei Drittel der Gehäusehöhe ein. Des Weiteren befinden sich am Innenrand drei zahnähnliche Vorsprünge. Der Mundsaum ist außen schwach und basal stärker erweitert, während der Spindelrand stark umgeschlagen wirkt und den Nabel fast ganz bedeckt. Innen ist der Mundsaum mit einem weißen Callus versehen, wobei der Außenrand schwach gelippt und in der Mitte mit einem stumpfen Höcker stark ausgebildet ist. Die Spindelwand und die Mündungswand weisen eine starke Falte auf, an der sich oft noch eine kleine, höckerförmige Falte befindet. In der Mündung selbst treten mitunter weitere Verstärkungen oder Falten, die allgemein als Zähne bezeichnet werden, auf.
Schematische Darstellung eines Schneckengehäuses
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Schematische Darstellung eines Schneckengehäuses
Die Radula oder Raspelzunge des Mäuseöhrchens besteht aus vielen Zahnreihen, wobei jede Reihe aus einem Mittelzahn und aus etwa zehn Seitenzähnchen beidseitig sowie aus zwanzig Randzähnchen aufgebaut ist. Insgesamt ist das Gehäuse leicht glänzend, bräunlich oder gelblich gefärbt sowie fein und unregelmäßig gestreift. Die Endwindung besteht meist aus mehreren, schwach kantigen weißlichen Vorsprüngen parallel zu den Anwachsstreifen, die früheren Mündungsbildungen entsprechen. In Gebieten mit einem hohen Salzwassergehalt ist das Gehäuse dickschaliger, größer und langgestreckter als in Brackwasserbereichen. Der Körper des Mäuseöhrchens ist beigefarben bis hellgrau, meist ist die Oberseite des Vorderkörpers und im Bereich der Fühler etwas dunkler gefärbt. Die dunkel getönten Augen befinden sich an der Basis der Fühler und sind zur Mitte des Körpers gerichtet. Das Mäuseöhrchen besitzt nur zwei Fühler, während die höher entwickelten Landlungenschnecken (Stylommatophora) neben den zwei Augenfühlern noch ein Paar kleinere Taster im unteren Bereich des Kopfes aufweisen.

Lebensweise

Das Mäuseöhrchen lebt direkt an der Flutgrenze an angeschwemmten Algen sowie an Brackwassersümpfen. Des Weiteren bewohnt das Mäuseöhrchen den Schlammboden zwischen den Pflanzen und hält sich unter Treibholz oder unter Steinen auf. Es ist das einzige Weichtier, das an unseren Küsten im Angespül lebend vorkommt. Bevorzugt werden allerdings von dem Mäuseöhrchen Salzwiesen, die sich direkt an der Küste befinden. Bezüglich des Salzgehaltes ist das Mäuseöhrchen recht tolerant, denn es kann über längere Zeit Werte zwischen 0,9 Prozent und 9,9 Prozent Salzgehalt ertragen. Als optimaler Salzgehalt für das Wachstum und für die Eiproduktion des Mäuseöhrchens wurde ein Wert von 1,8 Prozent dokumentiert. Den Winter über verbringt das Mäuseöhrchen meist in kleinen Gruppen in den Überwinterungshöhlen im Boden. Das Mäuseöhrchen kriecht dann an den Pflanzenstängeln hinab bis in den unterirdisch gelegenen Wurzelbereich. Das Mäuseöhrchen kann unter günstigen Umständen in der Natur ein Alter von etwa drei bis vier Jahren erreichen.

Salzwiese
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Salzwiese

In den Lebensräumen, wo sich das Mäuseöhrchen aufhält, wächst auch die Pflanze Vergissmeinnicht (Myosotis), im Volksmund wird die Pflanze auch Mäuseohr genannt. Die grünen Blätter der Pflanze sehen wie Mäuseohren aus. Da die Pflanze und das Weichtier sich denselben Lebensraum teilen, war vermutlich die Namensgebung für das Mäuseöhrchen ausschlaggebend.

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet des Mäuseöhrchens liegt an der Nordküste, an der westlichen Ostseeküste, an den Küsten der Deutschen Bucht, an den Küsten von Europa zwischen Dänemark, Großbritannien und dem Mittelmeerraum sowie dem Schwarzen Meer, an der bulgarischen Schwarzmeerküste und Südafrika. Des Weiteren ist das Mäuseöhrchen an den westatlantischen Küsten, Frankreich, Belgien sowie Niederlande zu finden. Von Europa aus wurde das Mäuseöhrchen an die Ostküste Nordamerikas und nach Jamaika verschleppt. Beliebte Lebensräume sind die Ränder kleiner Gewässer in den Salzwiesen sowie in Spritzwasserzonen (Supralitoral) der offenen Küste auf nicht zu feuchtem Grund. Stehende Nässe und auflaufendes Wasser wird von dem Mäuseöhrchen strikt gemieden. Während des Niedrigwassers hält sich das Mäuseöhrchen in Erdspalten und unter auf dem Boden liegendem Pflanzenmaterial auf. Auch lebt das Mäuseöhrchen gerne unter überhängenden Grasbücheln und bevorzugt wenig bewirtschaftete Flächen mit höherer Salzwiesenvegetation. Übermäßiger Viehvertritt schädigt diese Fauna, wenn keine Schutzmöglichkeiten vorhanden sind.

Salzwiese
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Salzwiese

Ernährung

Das Mäuseöhrchen ernährt sich von vermoderndem Pflanzenmaterial auf und im Schlick, von Pilzen, von Kieselalgen sowie von Flechten, wogegen lebende grüne Pflanzen kaum beachtet werden. Den Kalkbedarf zum Gehäuseaufbau deckt das Mäuseöhrchen durch Benagen von leeren Krebspanzern, Schneckengehäusen und Kalkgehäusen von Einzellern ab.

Fortpflanzung

Das Mäuseöhrchen ist wie alle Lungenschnecken zwittrig (hermaphroditisch) und besitzt männliche und weibliche Genitaltrakte. Das Männchen wird etwa mit eineinhalb Jahren geschlechtsreif und das Weibchen etwa mit zwei Jahren, so dass sich das Mäuseöhrchen als Weibchen und als Männchen paaren kann. In den Monaten April/Mai und August/September findet meist die Paarung statt. Die Paarung kann mehrere Stunden dauern. Am proximalen Ende beginnt der Genitaltrakt, d. h. das Reproduktionssystem, mit der Zwitterdrüse, in der sowohl Eier als auch Spermien produziert werden. Eier und Spermien gelangen dann über den Zwittergang zur Eiweißdrüse, in der um jedes Ei eine Schicht Eiklar sezerniert (ein Sekret abgesondert) wird, das dem Embryo als Nährsubstanz dient. In parallel laufenden Gängen, die offen miteinander in Verbindung stehen und zusammen als Eisamenleiter bezeichnet werden, erfolgt die Weiterleitung von Eiern und Spermien. Während der Eileiter weit und gewunden ist, ist der Samenleiter eng und teilweise drüsig ausgebildet. Beim männlichen Genitaltrakt liegt der Samenleiter distal über einen Abschnitt hin frei, ehe er in den Epiphallus einmündet, der proximal ein langes, blind endendes Flagellum besitzt und distal in den dickeren, muskulösen und ausstülpbaren Penis übergeht, der in das Atrium, den Endabschnitt des gesamten Genitaltraktes, einmündet. Beim weiblichen Teil des Genitaltraktes geht der Oviduct dann in die Vagina über, die ebenfalls in das Atrium einmündet.

Salzwiese
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Salzwiese

Nach der Kopulation legt das Weibchen etwa im Mai oder im Juni ihre Eier gewöhnlich als Gelege in eine kleine, in die Erde gegrabene Höhlung, die eine Tiefe von etwa 10 bis 15 Millimeter aufweisen kann, ab. Des Weiteren legt das Weibchen auch in Spalten verwitternden Holzes oder unter Blöcken und Steinen ihr Eipaket ab. Die Anzahl der Eier eines Geleges variiert erheblich. In der Regel besteht das Eipaket aus etwa 25 bis 30 Eiern. Die Eipakete werden oft von mehreren Weibchen nebeneinander gelegt. Die Eier weisen eine ovale Form auf und sind mit einer milchig weißen Schale versehen. Die Entwicklungsdauer der Embryonen im Ei ist jeweils vom Temperaturverlauf abhängig, jedoch schlüpfen sie innerhalb von sechs Wochen. Während einer Saison können mehrere Gelege abgesetzt werden. Die Jungen entwickeln sich komplett im Ei und zeigen aber noch alle Merkmale ihres gemeinsamen Meeresursprunges mit den Hinterkiemerschnecken (Opisthobranchia). Nach dem Schlupf sehen die Jungen dem adulten Mäuseöhrchen bereits sehr ähnlich, ihre Entwicklung verläuft direkt, ohne Metamorphose. Die Jungtiere wachsen, indem sie laufend Zuwachsstreifen an der Gehäusemündung anfügen und so einen Umgang an den anderen fügen, bis das definitive Gehäuse vorliegt. Die Sterblichkeitsrate ist während der ersten, frühen Lebensphase am höchsten. Die Jungtiere sind durch Klima und Prädatoren gefährdet und es ist nicht außergewöhnlich, wenn nur fünf Prozent oder noch weniger eines Geleges überhaupt die Geschlechtsreife erreichen.

Anhang

Literatur und Quellen

  • Michael P. Kerney, Robert A. D. Cameron, Dr. Dr. Jürgen H. Jungbluth: Die Landschnecken Nord- und Mitteleuropas. Ein Bestimmungsbuch für Biologen und Naturfreunde. Hamburg und Berlin, Verlag Paul Parey, 1983 ISBN 3-490-17918-8
  • Rainer Willmann: Muscheln und Schnecken der Nord- und Ostsee. Verlag J.Neumann-Neumann GmbH & Co. KG, 1989 ISBN 3-7888-0555-2
  • Prof. Dr. Dr. hc Bernhard Grzimek, Prof. Dr. Otto Kraus, Prof. Dr. Rupert Riedl, Prof. Dr Erich Thenius: Weichtiere Stachelhäuter. Dritter Band. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, Oktober 1993 ISBN 3-423-05970-2

Weblinks

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