Nördliche Taschenratte

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Nördliche Taschenratte

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Familie: Taschenratten (Geomyidae)
Unterfamilie: Geomyinae
Tribus: Thomomyini
Gattung: Gebirgs-Taschenratten (Thomomys)
Art: Nördliche Taschenratte
Wissenschaftlicher Name
Thomomys talpoides
Richardson, 1828

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Nördliche Taschenratte (Thomomys talpoides) zählt innerhalb der Familie der Taschenratten (Geomyidae) zur Gattung der Gebirgs-Taschenratten (Thomomys). Im Englischen wird diese Taschenratte Northern Pocket Gopher genannt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Die Nördliche Taschenratte stammt von der ausgestorbenen Taschenrattenart Thomomys gidleyi ab. Diese Art lebte im mittleren Pliozän, also vor rund 3,5 bis 2,5 Millionen Jahren. Die ältesten fossilen Funde der Nördlichen Taschenratte stammen aus dem späten Pleistozän und wurde insbesondere im südlichen Saskatchewan und Alberta, Kanada gefunden. Funde aus dem auslaufendem Pleistozän und dem frühen Holozän stammen aus Colorado, Idaho, Utah, Washington und Wyoming.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Nördliche Taschenratte erreicht je nach Unterart und Geschlecht eine Gesamtlänge von 17,3 bis 24,6 Zentimeter, eine Ohrlänge von 0,7 Zentiumeter, eine Schwanzlänge von 4,8 bis 7,3 Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 2,4 bis 3,2 Zentimeter sowie ein Gewicht von 64 bis 180 Gramm. Weibchen bleiben bis 8 Prozent kleiner und leichter als Männchen. Markantes Merkmal sind die mit Fell ausgekleideten Backentaschen, die zum Transportieren von Nahrung und Nistmaterial dienen. Die Taschen befinden sich außen an beiden Seiten der Schnauze. Der Körperbau ist walzenförmig, die Extremitäten sind kurz, aber kräftig ausgeprägt. Die Nördliche Taschenratte ist somit wie geschaffen für ein Leben unter der Erde. Der Schwanz ist nur wenig behaart und äußerst berührungsempfindlich. Das kurze und weiche Fell der Nördlichen Taschenratte ist je nach Unterart graubraun, braun oder gelblichbraun gefärbt. Zu Fellwechsel kommt es im Frühjahr und im Spätherbst. Die langen Schneidezähne ragen deutlich sichtbar auch bei geschlossenem Maul aus den Lippen heraus. Beißen Taschenratten in Wurzeln, so gerät keine Erde ins Maul. Taschenratten gelten als ausgezeichnete Gräber. Ihre Grabaktivitäten bewältigen sie mit ihren kräftigen Vorderpfoten, die über verlängerte Krallen verfügen. Zum Graben setzen die Tiere auch ihre Schneidezähne ein. Sie sind deutlich nach vorne gebogen und dienen als Meißel. Beim Nagen in Erde gelangt keine Erde ins Maul, da die Zähne aus dem Maul herausschauen. Da die Schneidezähne schnell abnutzen, wachsen sie pro Tag bis zu 1,22 Millimeter pro Tag nach. Dies entspricht bis zu 45 Zentimeter in einem Jahr. Das Gebiss besteht aus 20 Zähnen. Die zahnmedizinische Formel lautet 1/1, 0/0, 1/1, 3/3.

Lebensweise

Nördliche Taschenratten leben einzelgängerisch, die Geschlechter treffen sich im Grunde nur kurz während der Paarungszeit. Sie sind durchaus als territorial zu bezeichnen, die beanspruchten Reviere weisen zumeist eine Größe von 100 bis 200 Quadratmeter auf. Die Reviere von Männchen und Weibchen überschneiden sich dabei, da Männchen deutlich größere Reviere beanspruchen. Nördliche Taschenratten sind überwiegend in der Nacht aktiv, dies gilt vor allem für die Nahrungssuche, die in der Nacht in den Gangsystemen und an der Erdoberfläche stattfindet. Am Tage graben sie gelegentlich unterirdisch nach Wurzeln. Taschenratten gelten als ausgezeichnete Gräber. Ihr Tunnelsystem reicht dabei über Strecken von einigen Dutzend Metern, Rekordlängen von über 100 Metern sind dabei in Feldstudien dokumentiert worden. Ein Gangsystem weist in der Regel jedoch nur eine Länge von 45 bis 60 Zentimeter auf. Die Tunnels, die einen Durchmesser von etwa 5 bis 6 Zentimeter aufweisen, liegen meist dicht unter der Erdoberfläche (30 bis 40 Zentimeter), die Wohnkammern liegen in Tiefen von 50 bis 300 Zentimeter und weisen meist einen Durchmesser von bis zu 20 bis 30 Zentimeter auf. Die Kammern dienen als Wohnraum oder Vorratskammer. Die Wohnkammern sind mit weichen Pflanzenteilen und getrockneten Gräsern ausgepolstert. Die Tiere halten während der kalten Jahreszeit keine Winterruhe, jedoch legen sie für Mangelzeiten Nahrungsvorräte an.

Nahrungskonkurrenten

Nahrungskonkurrent: das Gelbbäuchige Murmeltier (Marmota flaviventris)
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Nahrungskonkurrent: das Gelbbäuchige Murmeltier (Marmota flaviventris)

In ihrem Lebensraum leben Nördliche Taschenratten mit zahlreichen anderen Nagetieren (Rodentia) und anderen Säugetieren (Mammalia) in einer engen Beziehung und Nahrungskonkurrenz. Dazu gehören zum Beispiel Zwergkaninchen (Brachylagus idahoensis), Nordamerikanische Rötelmäuse (Myodes gapperi), Ord-Kängururatten (Dipodomys ordii), Ursons (Erethizon dorsatum), Nördliche Gleithörnchen (Glaucomys sabrinus), Salbeiwühlmäuse (Lemmiscus curtatus), Schneeschuhhasen (Lepus americanus), Eselhasen (Lepus californicus), Präriehasen (Lepus townsendii), Gelbbäuchige Murmeltiere (Marmota flaviventris), Langschwänzige Wühlmäuse (Microtus longicaudus), Rocky-Mountains-Wühlmäuse (Microtus montanus), Neotoma cinerea, Grashüpfermäuse (Onychomys), Hirschmäuse (Peromyscus maniculatus), Amerikanische Erntemäuse (Reithrodontomys), Waldspitzmäuse (Sorex), Uinta-Ziesel (Spermophilus armatus), Wyoming-Ziesel (Spermophilus elegans), Goldmantelziesel (Spermophilus lateralis), Berg-Baumwollschwanzkaninchen (Sylvilagus nuttallii), Chipmunks (Tamias), Douglas-Hörnchen (Tamiasciurus douglasii) und Westliche Hüpfmäuse (Zapus princeps).

Unterarten

Es sind insgesamt 56 Unterarten bekannt und beschrieben worden. <1> Die 3 nachstehenden Unterarten werden in der Roten Liste der IUCN geführt. Thomomys talpoides douglasii gilt als gefährdet. <2>

Verbreitung

Die Nördliche Taschenratte ist in weiten Teilen Nordamerikas beheimatet. Im Norden reicht das Verbreitungsgebiet bis ins südöstliche British-Columbia, Kanada und erstreckt sich westlich auch über die südlichen Teile der kanadischen Provinzen Alberta, Saskatchewan und Manitoba. Hier ist insbesondere die Unterart Thomomys talpoides talpoides anzutreffen. In den USA reicht die Verbreitung von den westlichen Bundesstaaten Washington, Oregon und Nevada bis in die zentralen US-Bundesstaaten North und South Dakota. Im Süden der USA sind Nördliche Taschenratten bis ins nördliche Arizona und New Mexiko. Im Osten und Südosten der USA fehlt die Art völlig. Nördliche Taschenratten sind in zahlreichen Lebensräumen anzutreffen. Sie besiedeln sowohl die weite Ebene als auch Höhenlagen bis in Höhen von 3.700 Metern. Die größten Populationen bewohnen jedoch mittlere Höhenlagen in Höhen von 1.200 bis 2.700 Metern über NN. Neben dem Bergland mit den weiten Bergwiesen wird auch die subarktische Tundra, Steppen, Grasland sowie landwirtschaftliche Flächen besiedelt. Wie alle Taschenratten, so lebt auch die Nördliche Taschenratte überwiegend unter der Erde. Nur in der Nacht kommen die Tiere zur Nahrungssuche an die Erdoberfläche.

Prädatoren

Prädator: der Kojote (Canis latrans)
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Prädator: der Kojote (Canis latrans)

Zu den natürlichen Fleischfressern der Nördlichen Taschenratte gehören je nach Verbreitungsgebiet und Lebensraum Kojoten (Canis latrans), Rotluchse (Lynx rufus), Streifenskunks (Mephitis mephitis), Langschwanzwiesel (Mustela frenata), Hermeline (Mustela erminea), Westliche Fleckenskunks (Spilogale gracilis) und Silberdachse (Taxidea taxus). Die genannten Fleischfresser erbeuten die Taschenratten an der Erdoberfläche oder graben sie aus ihren Erdbauten.

Unter den Schlangen (Serpentes) stellen den Taschenmäusen Gophernattern (Pituophis catenifer) und Prärieklapperschlangen (Crotalus viridis) nach. Aber auch zahlreiche Vögel (Aves), insbesondere Eulen (Strigiformes) und Greifvögel (Falconiformes) stellen den Tieren nach. Hier sind vor allem Kaninchen-Eulen (Athene cunicularia), Virginia-Uhus (Bubo virginianus), Schleiereulen (Tyto alba), Waldohreulen (Asio otus) und der Bartkauz (Strix nebulosa) zu nennen.

Ernährung

Unter den Taschenratten gilt die Nördliche Taschenratte als Nahrungsgeneralist. Sie ernährt sich von zahlreichen Wurzeln und Knollen, Gräsern und Kräutern, Sämereien und Körnern, Pflanzenstängeln und jungen Trieben. Auf der Speisekarte stehen insbesondere Löwenzahn (Taraxacum), Rispengräser (Poa), Perlgräser (Melica), Yampa-Wurzeln (Perideridia gairdneri), Vogelknöteriche (Polygonum), Fingerkräuter (Potentilla), Wicken (Vicia), Lauch (Allium), Klee (Trifolium), Storchschnäbel (Geranium), Schafgarben (Achillea), Lieschgräser (Phleum), Opuntien (Opuntia), Pfriemengräser (Stipa), Lupinen (Lupinus), Berufkräuter (Erigeron), Quecken (Elymus), Platterbsen (Lathyrus), Bartfaden (Penstemon), Beifuss (Artemisia) und Wiesenrauten (Thalictrum) Die bevorzugte Nahrung schwankt je nach Lebensraum und Jahreszeit. Nördliche Taschenratten gehören zu den Koprophagen, dass heisst, sie fressen auch ihren eigenen Kot. Trinkwasser nehmen die Tiere nicht zu sich, der Wasserbedarf wird ausschließlich über die Nahrung gedeckt. Sie haben sich exzellent an die trockenen Lebensräume angepasst. In den Nieren wird dem Urin viel Wasser entzogen, so dass beim Urinieren nur hoch konzentrierter Urin abgegeben wird. Nahrung wird sowohl auf der Erdoberfläche als auch unter der Erde in Form von Wurzeln und Knollen gesucht. Für magere Zeiten legen Nördliche Taschenratten Vorräte in ihren Erdbauten an. Gespeichert werden insbesondere Sämereien und Körner, da diese relativ lange haltbar sind.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreichen Nördliche Taschenratten im Alter von gut 6 Monaten. Zur ersten Paarung kommt es jedoch erst im ersten Frühjahr nach der Geburt, also im Alter von knapp einem Jahr. Die Paarungszeit erstreckt sich in den meisten Verbreitungsgebieten über das ganze Jahr. In den meisten Regionen konzentriert sich die Paarungszeit jedoch über das Frühjahr und reicht lokal bis in den Spätsommer hinein. Dies trifft vor allem auf die nördlichen Populationen zu. Je nach Verbreitungsgebiet kann es in einem Jahr zu 1 bis 2 Würfen kommen. Das Weibchen bringt nach einer Tragezeit von 19 bis 28 Tagen 3 bis 7 Jungtiere zur Welt. Ein durchschnittlicher Wurf beträgt 4 bis 6 Jungtiere. Zur Geburt kommt es in den unterirdischen Bauten der Weibchen. Die Jungtiere sind nur wenig entwickelt. Sie sind nackt, blind, wiegen bei der Geburt zwischen 2,8 und 3,6 Gramm und weisen eine Körperlänge von etwa 80 Millimeter auf. Ab dem 9. Tag stellt sich das erste Fell ein. Die Augen und Ohren öffnen sie im Alter von 25 bis 26 Tagen. Im Alter von sechs Wochen werden die Jungtiere von der Muttermilch abgesetzt und ernähren sich ab diesem Zeitpunkt von fester Nahrung. Die Selbständigkeit wird nach etwa zwei Monaten erreicht. Ab diesen Zeitpunkt verlassen die Jungtiere ihre Mutter. Ausgewachsen sind die Jungtiere im Alter von gut 3 Monaten. Die Lebenserwartung einer Nördlichen Taschenratte liegt bei 1 bis 2 Jahren. Ein Alter von 3 oder gar 4 Jahren wird aufgrund der zahlreichen Fleischfresser nur selten erreicht.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Offiziell zählt nur die Unterart Thomomys talpoides douglasii zu den gefährdeten Arten. Sie wird in der Roten Liste der IUCN als solches (VU, vulnerable) geführt. Die Art als ganzes gilt nicht als gefährdet. Zu den Hauptbedrohungen gehört die Vernichtung der natürlichen Lebensräume und in der Nähe des Menschen auch die Bejagung durch den Menschen. Nördliche Taschenratten gelten auf landwirtschaftlichen Flächen als Schädling und werden daher insbesondere durch Giftköder getötet.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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