Neotoma macrotis

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Neotoma macrotis

Systematik
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Teilordnung: Myodonta
Überfamilie: Hamster- und Mäuseartige (Muroidea)
Familie: Wühler (Cricetidae)
Unterfamilie: Neuweltmäuse (Sigmodontinae)
Tribus: Neotomini
Gattung: Amerikanische Buschratten (Neotoma)
Art: Neotoma macrotis
Wissenschaftlicher Name
Neotoma macrotis
Thomas, 1893

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Neotoma macrotis zählt innerhalb der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) zur Gattung der Amerikanischen Buschratten (Neotoma). Ein deutsches Synonym ist nicht bekannt. Im Englischen wird die Art Neotoma macrotis Big-eared Woodrat oder Large-eared Woodrat genannt. Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt.

Neotoma macrotis ist nahe mit Neotoma fuscipes verwandt und wurde ursprünglich als eine Unterart von Neotoma fuscipes geführt. Beide Arten ähneln sich stark, können aber anhand der Morphologie des Schädels und anhand der Anatomie des Glans Penis (Lat. Glans = Eichel) unterschieden werden.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Zahlreiche fossile Funde der Neotoma macrotis stammen aus späten pleistozänen Ablagerungen, die im Wesentlichen in Kalifornien, insbesondere in Hawver Cave, Eldorado County, McKittrick, Kern County, Newport Bay Mesa, Orange County, SanPedro und Loa Angeles County gefunden wurden (Carryway & Verts, 1991). <1>

Beschreibung

Aussehen und Maße

Neotoma macrotis ist mittelgroß und weist ein rattenartiges Aussehen auf. Die Art erreicht eine Gesamtlänge von 335 bis 468 mm, eine Schwanzlänge von 160 bis 227 mm, eine Hinterfußlänge 34 bis 47 mm, eine Ohrlänge 24 bis 36 mm, eine Rostrumbreite 6,1 bis 8,3 mm, eine Jochbeinbreite 21,8 bis 28,1 mm, eine Bullabreite (knöcherne, blasenartige Strukturen im Bereich des Schädels) 7,1 bis 9,1 mm sowie ein Gewicht von 185 bis 221 Gramm. Das Gehirn erreicht eine Gewicht von gut 3,3 Gramm. Das weiche Fell weist eine helle graubraune Grundfärbung auf, ventral zeigt sich eine weißliche Färbung. Die Haare erreichen dorsal eine Länge von 15 mm, die seitlichen Schutzhaare erreichen eine Länge von bis zu 20 mm. Die Hinterbeine sind länger als die Vorderbeine. Die Füße enden jeweils in 5 Zehen. Das Gebiss besteht aus 16 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet i1/1, c0/0, p0/0, m3/3. Der Penisknochen (Baculum) ist kurz, breit und außen symmetrisch. Er erreicht eine Länge von 5,02 bis 5,5 mm, der laterale Durchmesser beträgt an der Basis 3,5 bis 3,62 mm und der dorsoventrale Durchmesser beträgt 1,8 bis 1,92 mm. Die Spermien (Spermatozoa) weisen eine Länge von 125 µm auf. Der Dünndarm erreicht eine Länge von 48 bis 52 (50) mm, der Dickdarm eine Länge von 70 bis 94 (82) mm und der Blinddarm (Cecum) eine Länge von 8,1 bis 11,1 (10) mm (Carryway & Verts, 1991; Novak, 1999).

Lebensweise

Neotoma macrotis ist hauptsächlich nachtaktiv, eher selten sind die Tiere auch am Tage zu beobachten. Die täglichen Aktivitäten richten sich auch nach der Jahreszeit und der Witterung. Als gute Kletterer sind die Tiere häufig in Bäumen und Büschen zu beobachten. Sie halten sich jedoch auch häufig auf dem Boden auf. Die Behausungen entstehen im Geäst von Bäumen oder Büschen, meist in Höhen von rund 1,2 bis 7,6 Meter über dem Boden und weist einen Durchmesser von 100 bis 120 Zentimeter auf. Als Baumaterial dienen hauptsächlich Äste, Reisig, Blätter und Rinde. Eine Behausung besteht aus mehreren Kammern, die als Vorrat- oder Wohnkammern dienen. Weibchen bringen hier auch ihren Nachwuchs zur Welt. Beliebte Bäume und Sträucher, in denen Behausungen entstehen, sind der Oregon-Wildapfel (Malus fusca), die Douglasie (Pseudotsuga menziesii), Eichen (Quercus), Weiden (Salix), Ahorne (Acer), Westlicher Wacholder (Juniperus occidentalis) und Weißdorne (Crataegus). Neotoma macrotis lebt in losen Kolonien, die Reviere der einzelnen Tiere überschneiden sich dabei zum Teil deutlich. Ein Revier weist eine durchschnittliche Größe von 0,2 Hektar auf. In der Paarungszeit kommt es unter den Männchen bei einer hohen Siedlungsdichte nicht selten zu heftigen Kommentkämpfen um das Paarungsrecht mit den Weibchen. In der Zeit der Balz- und Paarungszeit leben die Geschlechter in gemeinsamen Behausungen. Am Boden nimmt Neotoma macrotis häufig ein Staubbad, das der Körperhygiene dient. Überhaupt ist Neotoma macrotis ausgesprochen reinlich, die Körperpflege ist ein integraler Bestandteil während der aktiven Zeit. Sie urinieren zudem ausschließlich außerhalb des Nestes, das Abgeben des Urins dauert durchschnittlich 5 bis 6 Sekunden (Carryway & Verts, 1991; Novak, 1999).

Verbreitung

Neotoma macrotis ist vom zentralen bis zum östlichen Kalifornien, USA sowie im nordwestlichen Baja California, Mexico endemisch. Die Tiere besiedeln dichte Laub-, Nadel- und Mischwälder sowie Chaparrals mit einem dichten Unterholz. Gelegentlich ist Neotoma macrotis auch an Waldrändern zu beobachten. Männchen halten sich außerhalb der Paarungszeit in Baumhöhlen auf, ansonsten leben die Männchen und Weibchen in Behausungen, die aus Reisig, kleinen Ästen und ähnlichen Materialien bestehen. Die Behausungen entstehen in Büschen und Bäumen in mittlerer Höhe und dienen den Tiere zumeist über mehrere Generationen als Unterschlupf. Die Siedlungsdichte liegt bei durchschnittlich 5 bis 35 Tieren je Hektar. Unter optimalen Bedingungen kann die Siedlungsdichte auch bis zu 45 Tiere je Hektar betragen (Carryway & Verts, 1991; Musser & Carleton, 2005; Cranford, 1999).

Biozönose

Sympatrie

Kommensale: die Südliche Alligatorschleiche (Elgaria multicarinata)
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Kommensale: die Südliche Alligatorschleiche (Elgaria multicarinata)

Neotoma macrotis lebt sympatrisch mit zahlreichen anderen Tieren. Als Kommensale gelten hier auch andere kleine Säugetiere wie die Schönspitzmaus (Sorex ornatus), die Graue Wüstenspitzmaus (Notiosorex crawfordi), das Strauchkaninchen (Sylvilagus bachmanni), die Kalifornische Maus (Peromyscus californicus), die Kaktusmaus (Peromyscus eremicus), die Hirschmaus (Peromyscus maniculatus), die Pinyon-Hirschmaus (Peromyscus truei) und Amerikanische Erntemäuse (Reithrodontomys) wie Reithrodontomys megalotis. Zu den Kommensalen gehören auch einige Kriechtiere (Reptilia). Hier sind insbesondere der Westliche Stachelleguan (Sceloporus occidentalis), die Südliche Alligatorschleiche (Elgaria multicarinata), Elgaria coerulea, die Nordwestliche Strumpfbandnatter (Thamnophis ordinoides), die Schwarznatter (Coluber constrictor), die California-Kutscherpeitschennatter (Masticophis lateralis) und die Kiefernatter (Pituophis melanoleucus) zu nennen. Auch einige Arten der Lurche (Amphibia) profitieren vom Zusammenleben mit Neotoma macrotis. Dies sind der Graue Laubfrosch (Hyla versicolor), Lungenlose Salamander (Plethodontidae) der Gattung der Eschscholtz-Salamander (Ensatina), der Kalifornischer Wurmsalamander (Batrachoseps attenuatus), der Kalifornische Gelbbauchmolch (Taricha torosa). Salamander und Molche halten sich im unteren Teil der Bauten von Neotoma macrotis. Neben den bereits genannten Kommensalen halten sich in den Nestern bzw. in den Bauten zahlreiche Spinnentiere (Arachnida) und Insekten (Insecta) auf. Hier sind insbesondere Milben (Acari, Acarida), Webspinnen (Araneae), Springschwänze (Collembola), Geradflügler (Orthoptera), Schnabelkerfe (Hemiptera), Ohrwürmer (Dermaptera), Käfer (Coleoptera), Zweiflügler (Diptera), Flöhe (Siphonaptera) und Hautflügler (Hymenoptera) zu nennen (Carryway & Verts, 1991).

Prädatoren und Mortalität

Zu den natürlichen Feinden dieser Amerikanischen Buschratte zählen insbesondere Langschwanzwiesel (Mustela frenata), Wildkatzen (Felis silvestris), der Fleckenkauz (Strix occidentalis), die Schleiereule (Tyto alba), der Virginia-Uhu (Bubo virginianus), der Rotschwanzbussard (Buteo jamaicensis), am Boden auch der Kojote (Canis latrans), der Puma (Puma concolor), der Rotluchs (Lynx rufus) sowie die Prärieklapperschlange (Crotalus viridis) (Carryway & Verts, 1991).

Krankheiten und Parasiten

Zu den wichtigsten Endoparasiten gehören Trypanosomen (Trypanosoma) wie Trypanosoma cruzi und Trypanosoma neotomae, Kokzidien (Coccidia) wie Eimeria neotomae und Eimeria residua. Ebenfalls häufig nachgewiesen werden konnte Francisella tularensis, einem bakterieller Erreger, der die Tularämie auslöst. Tularämie ist bei Nagetieren eine tödlich verlaufende und ansteckende Erkrankung. Trichomonas muris, der zur Domäne der Eukaryoten (Eucaryota) zählt, nistet sich im Dünndarm, im Blinddarm und im Grimmdarm ein. Ähnlich verhält es sich mit Chilomastix, der im Grimmdarm und Blinddarm parasiert. Neben den genannten Endoparasiten treten auch zahlreiche Ektoparasiten in Erscheinung. Es konnten verschiedene Läuse (Anoplura), Milben (Acari, Acarida), insbesondere Zecken (Ixodida) wie Dermacentor occidentalis, Ixodes pacificus, Ixodes spinipalpis, Ixodes angustus, Ixodes ricinus, Androlaelaps fahrenholzi und zahlreiche andere (Carryway & Verts, 1991).

Ernährung

Neotoma macrotis ernährt sich rein pflanzlich von Sämereien, Waldfrüchten, grünen Vegetationsteilen und gelegentlich von Pilzen (Fungi). Zu den beliebtesten Futterpflanzen gehören Salbei (Salvia), Eichen (Quercus), Kreuzdorn (Rhamnus) und verschiedene Kernobstgewächse (Pyrinae). In den Behausungen werden insbesondere Sämereien in speziellen Futterkammern gelagert. Der tägliche Nahrungsbedarf liegt bei 44 Gramm. Die Nahrungssuche und -aufnahme erfolgt fast ausschließlich in der Nacht. In Laborversuchen konnte nachgewissen werden, dass Neotoma macrotis pro Tag bis zu 43 ml an Trinkwasser zu sich nimmt. Dies entspricht rund 24,5 ml je 100 Gramm Körpergewicht (Carryway & Verts, 1991; Novak, 1999).

Fortpflanzung

Neotoma macrotis erreicht die Geschlechtsreife im Alter von 10 Monaten. Die Hoden (Testes) wachsen bei den Männchen bereits ab dem 8. Lebensmonat. Im zeitigen Frühjahr, meist bis Mitte März sind die Hoden voll ausgewachsen. Die Paarungszeit erstreckt sich von Februar bis in den September hinein. Neotoma macrotis lebt in monogamen Familiengruppen. Diese Familiengruppen halten jedoch nur eine Brutsaison. In der Regel vertreiben die Weibchen die Männchen nachdem der Nachwuchs zur Welt gekommen ist. Die Aufzucht des Nachwuchses obliegt demnach ausschließlich den Weibchen. Während einer Saison kommt es nur zu einem Wurf. Nach einer Tragezeit von durchschnittlich 30 bis 37 (33) Tagen bringt das Weibchen in ihrem Nest 1 bis 4 (2,6) Jungtiere zur Welt. Kurz bevor der Nachwuchs zur Welt kommt, schwellen die Zitzen deutlich sichtbar an. Die Jungtiere kommen nackt, blind und Taub zur Welt. Ein Wurf weist ein Geschlechtsverhältnis von durchschnittlich 1:1 bis 2:1 auf (Männchen, Weibchen). Die Neugeborenen weisen ein Gewicht von 12,5 bis 13,8 Gramm auf. Die Augen öffnen sich erstmals nach 11 bis 17 Tagen und das juvenile Fell stellt sich gegen Ende der dritten Lebenswoche ein. Aufgrund der fettreichen Milch wachsen sie sehr schnell heran. Noch im Alter von 21 Tagen werden sie von der Muttermilch entwöhnt und nehmen die erste feste Nahrung zu sich. Im Alter von 4 Wochen ist die Entwöhnung abgeschlossen. Im Alter von drei Monaten sind die Jungtiere selbständig. Sie verbleiben meist bis zum Erreichen der Geschlechtsreife im Familienverband (Carryway & Verts, 1991).

Ökologie Gefährdung und Schutz

Neotoma macrotis gilt heute noch nicht als gefährdet. Daher wird die Art in der Roten Liste der IUCN als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. Neotoma macrotis spielt im Ökosystem eine durchaus wichtige Rolle. Die umfangreichen Bauten bieten Unterschlupf für zahlreiche andere Tiere. Neotoma macrotis bildet zudem die Nahrungsgrundlage für eine Reihe von räuberisch lebenden Tieren und ist somit ein wichtiger Teil der Nahrungskette im Ökosystem. Darüber hinaus regulieren sich die Bestände in der Natur alleine. In nahrungsreichen Jahren kann es dabei durchaus zu einer raschen Vermehrung kommen. In mageren Jahren sinkt die Population entsprechend. In der Nähe landwirtschaftlicher Flächen werden die Tiere aufgrund ihrer relativ geringen Populationsdichte nicht als Schädlinge angesehen. Dennoch stehen sie in Nahrungskonkurrenz zum Weidevieh der Farmer. Ein weiterer Gefährdungsgrund ist die Vernichtung der natürlichen Lebensräume durch Buschfeuer und die Abholzung der Wälder (Carryway & Verts, 1991).

Synonyme

Neotoma macrotis ist nach Wilson & Reeder (2005) unter zahlreichen Synonymen bekannt. Dies sind arizonensis Goldman (1931), arsipus Elliot (1904), devius Nelson & Goldman (1909), muticus Merriam (1902), neomexicanus Merriam (1902), nevadensis Goldman (1931), tenuirostris Nelson & Goldman (1931), zinseri Benson, 1938. Die genannten Synonyme sind ungültig (Wilson & Reeder, 2005).

Anhang

Literatur und Quellen

Qualifizierte Weblinks

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