Schlitzrüssler

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Schlitzrüssler
Dominikanischer Schlitzrüssler (Solenodon paradoxus)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Spitzmausartige (Soricomorpha)
Familie: Schlitzrüssler
Wissenschaftlicher Name
Solenodontidae
Gill, 1872

Schlitzrüssler (Solenodontidae) zählen innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Spitzmausartigen (Soricomorpha). In der Familie werden in einer Gattung 2 rezente und 2 ausgestorbene Arten geführt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde, Entwicklung

Die Vorfahren der Schlitzrüssler lassen sich fossil bis ins mittlere Oligozän nachweisen. Dies entspricht einem Alter von 30 bis 25 Millionen Jahren. Die fossilen Funde aus dieser Zeit stammen im Wesentlichen aus nordamerikanischen Sedimenten. Die genauen Abstammungsverhältnisse sind bis heute unklar. Selbst die molekulargenetische Forschung konnte kaum Licht ins Dunkle bringen. Fossile Funde der rezenten Arten stammen alle aus dem Holozän. Sie sind demnach kaum älter als 10.000 Jahre.

Beschreibung

Aussehen und Maße

Schlitzrüssler gehören zu den ursprünglichen Insektenfressern. Sie gehören zudem zu den größten Vertretern der Ordnung der Spitzmausartigen (Soricomorpha). Zu den nächsten Verwandten werden die Karibischen Spitzmäuse (Nesophontidae) gerechnet. Schlitzrüssler erreichen je nach Art eine Gesamtlänge von 51 bis 53,5 Zentimeter, eine Schwanzlänge von 19 bis 24,1 Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 6,9 bis 7,1 Zentimeter, eine Ellenlänge (Ulna) von 10,4 Zentimeter, eine Schädellänge von 11,7 bis 11,9 Zentimeter, eine Schädelbreite (zwischen Augen und Ohren) von 4,5 und 5,0 Zentimeter, eine Ohrlänge von 2,8 bis 3,0 Zentimeter, eine Ohrbreite von 2,5 bis 2,6 Zentimeter sowie ein Gewicht von 700 bis 1.000 Gramm. <1>

Im Aussehen ähneln Schlitzrüssler großen und kräftig gebauten Spitzmäusen. Zu den markantesten Merkmalen zählt zweifelsohne der lange und sehr bewegliche Rüssel. Der Rüssel ist vor allem beim Dominikanischen Schlitzrüssler (Solenodon paradoxus) ausgesprochen flexibel. Die Beweglichkeit wird durch ein Kugelgelenk erreicht, das fest im Schädel verankert ist. Dieser rundliche Gelenkknochen fehlt jedoch bei der zweiten rezenten Art, dem Kubanischen Schlitzrüssler (Solenodon cubanus). Das kräftige Gebiss der Schlitzrüssler weist 40 Zähne auf. Die zahnmedizinische Formel lautet i3/3, c1/1, p3/3, m3/3. Die oberen Schneidezähne sind recht lang und ragen unter der Oberlippe hervor. Die Molaren und Prämolaren weisen spitze Höcker und scharfe Schmelzleisten auf. Der Dominikanische Schlitzrüssler sondert über seinen Speichel ein Gift ab, das Beutetiere lähmt. Der zweite untere Schneidezahn ist längs gefurcht. Durch diese Furchen gelangt der giftige Speichel in die Wunde eines Beutetieres. Bei dem Gift handelt es sich um ein Nervengift, das in Sepeicheldrüsen im Unterkiefer produziert wird. Bei der kubanischen Art wird dies auch vermutet, konnte jedoch noch nicht nachgewiesen werden.

Der mittellange Schwanz ist fast nackt, steif und sehr mukulös. Die relativ kleinen Augen liegen seitlich, mittig am Schädel. Die rundlich geformten Ohren liegen deutlich hinter den Augen. Die Fellfärbung variiert je nach Art zwischen schwärzlich und dunkel rotbraun. Das Fell der kubanischen Art ist insgesamt länger und feiner. Die kräftigen Beine sind kurz und enden an den Pfoten in jeweils 5 Zehen, die sich jeweils durch eine kräftige Kralle auszeichnen. Die Krallen der Vorderpfoten sind kräftiger als die hinteren. Dies macht Sinn, denn die Vorderbeine dienen den Tieren bei den Grabaktivitäten. Die Hinterbeine dienen auf der anderen Seite vor allem der Fellpflege. Sie weisen ausgesprochen flexible Hüftgelenke auf und erreichen so fast alle Stellen am Körper. Typischerweise ist das Gehirn der Schlitzrüssler relativ klein, der Tastsinn ist hingegen hoch entwickelt. Dies ist im übrigen bei allen Insektenfressern der Fall. Neben dem Tastsinn ist auch das Gehör und der olfaktorische Sinn recht gut entwickelt. Zum Säugen des Nachwuchses verfügt das Weibchen in der Leistenregion über ein Paar Zitzen.

Lebensweise

Schlitzrüssler sind nachaktiv und halten sich meist im dichten Unterholz auf. Offene Bereiche werden gemieden. Schlitzrüssler leben einzelgängerisch oder in kleinen Familiengruppen, die aus einem Pärchen und deren Nachwuchs bestehen. In einem Bau leben bis zu 8 Individuen. Die Bauten werden entweder selbst gegraben oder es werden natürliche Unterschlüpfe wie höhle Baumstämme, Felsspalten oder andere natürlichen Höhlen genutzt. Schlitzrüssler kommunizieren hauptsächlich vokal. Zu den typischen Lauten gehören Zwitschern, Zirpen, Keuchen, Piepsen und Klicken. Die Klicklaute bestehen ausschließlich aus hochfrequenten Tönen und variieren zwischen 9.000 bis 31.000 Hz. Man geht davon aus, dass die hochfrequenten Töne ein primitives Mittel der Echoortung darstellen. Bei der Reviermarkierung spielt der olfaktorische Sinn eine große Rolle. Über Duftmarken wird das eigene Revier an markanten Punkten markiert. Die Duftdrüsen sitzen in der Analregion.

Verbreitung

Die beiden rezenten Arten sind heute nur noch auf Kuba (Solenodon cubanus) und in der Dominikanischen Republik und Haiti (Solenodon paradoxus) anzutreffen. Die Dominikanische Republik und Haiti werden auch als Hispaniola zusammengefasst. Beide Arten besiedeln dichte und feuchte Wälder sowie deren Ränder. Offene Flächen werden grundsätzlich gemieden.

Prädatoren

Ursprünglich hatten Schlitzrüssler in ihren natürlichen Lebensräumen keine natürlichen Feinde und waren die vorherschenden Fleischfresser auf Kuba und der Dominikanischen Republik. Erst die Ankunft der ersten Siedler änderte diesen Zustand dramatisch. Mit dem Menschen kamen verwilderte Hauskatzen (Felis catus) und Haushunde sowie Ratten (Rattus) und verschiedene Mangusten (Herpestidae) auf die Inseln und stellten den Schlitzrüsslern nach. An Mangusten wurden vor allem der Kleine Mungo (Herpestes javanicus) zur Schädlingsbekämpung eingeführt. Heute gilt der Kleine Mungo selbst als Schädling - vor allem für die endemische Tierwelt.

Ernährung

Schlitzrüssler ernähren sich im Wesentlichen von Gliederfüßern (Arthropoda) wie Spinnentiere (Arachnida), Tausendfüßer (Myriapoda), Insekten (Insecta), deren Larven sowie Wenigborster (Oligochaeta) wie Regenwürmer (Lumbricidae) und ähnliches. Es konnten bei Magenanalysen auch Reste von Wirbeltieren nachgewiesen werden. Diese stammen meist von dem Verzehr von Aas. Nur selten machen Schlitzrüssler aktiv Jagd auf Lurche (Amphibia), kleine Kriechtiere (Reptilia) und sogar Vögel (Aves) und deren Eier. Nachgewiesen ist auch pflanzliche Nahrung, meist in Form von Früchten und Beeren. Pflanzliche Nahrung spielt jedoch insgesamt nur eine untergeordnete Rolle. Gleiches gilt auch für Aas.

Auch wenn Schlitzrüssler meist am Boden auf Nahrungssuche gehen, sind sie gelegentlich auch kletternd auf Nahrungssuche zu beobachten. Beutetiere werden vor allem über den hoch entwickelten Tastsinn lokalisiert. Mit der beweglichen und rüsselartigen Schnauze durchwühlen die Tiere bei der Nahrungssuche unablässlich die oberen Substratschichten. Mit den kräftigen Krallen graben sie Beutetiere auch in härteren Böden aus. Der giftige Speichel lähmt Beutetiere, tötet sie jedoch nicht.

Fortpflanzung

Interessanterweise weisen Schlitzrüssler eine lange Lebenserwartung und eine niedrige Fortpflanzungsrate auf. Dies läßt sich mit der historischen Stellung der Tiere in den natürlichen Lebensräumen begründen. Schlitzrüssler hatten ursprünglich keine natürlichen Feinde und waren daher auf eine schnelle Fortpflanzung nicht angewiesen. Dieser Umstand rächt sich heute.

Die Balz der Schlitzrüssler ist durch Absetzen von Duftmarken geprägt. Auch leise Geräusche und ein häufiger Körperkontakt sind Teil der Balz. Die Duftmarken werden insbesondere durch die analen Duftdrüsen abgesetzt, wo auch Duftmarken bekannt sind, die auf die Abgabe von Kot und Urin basieren. Das Fortpflanzungsverhalten kann als monogam bezeichnet werden. Polygame Strukturen konnte bisher nicht beobachtet werden. Die Paarungszeit ist an keine feste Jahreszeit gebunden und in einer Saison kommt es meist zu 2 Würfen. Das Weibchen bringt in ihrem Bau nach einer Tragezeit von etwa 50 Tagen 1, selten auch 2 Jungtiere zur Welt. Das Geburtsgewicht des Nachwuchses liegt zwischen 40 und 55 Gramm. Die Jungen bleiben ausgesprochen lange, meist mehrere Monate bei der Mutter. Einige Wochen nach der Geburt folgen die Jungen der Mutter bei ihrer Nahrungssuche. In den ersten Lebenstagen oder -wochen werden die Jungen an den Zitzen getragen. Dabei saugen sich die Jungen an den Zitzen fest. Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von 2,5 Monaten. Die Lebenserwartung liegt in Gefangenschaft bei 6,5 bis 11 Jahren. Die Lebenserwartung in Freiheit ist unbekannt.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Von den ursprünglich 4 Arten der Schlitzrüssler leben heute auf Kuba und in der Dominikanischen Republik nur noch 2 Arten. Solenodon arredondoi und Solenodon marcanoi starben wahrscheinlich kurz nach der Besiedlung durch die ersten Menschen aus. Beide rezenten Arten sind heute stark bedroht und werden als solches (EN, Endangered) in der Roten Liste der IUCN geführt. Die Hauptbedrohung geht nicht nur von der Vernichtung der natürlichen Lebensräume, sondern auch von der Bejagung durch den Menschen und eingeschleppte Raubtiere aus.

Systematik der Schlitzrüssler

Familie: Schlitzrüssler (Solenodontidae)

Gattung: Schlitzrüssler (Solenodon), Brandt, 1833
Art: Solenodon arredondoi, Morgan & Ottenwalder, 1993
Art: Kubanischer Schlitzrüssler (Solenodon cubanus), Peters, 1861
Art: Solenodon marcanoi, (Patterson, 1962)
Art: Dominikanischer Schlitzrüssler (Solenodon paradoxus), Brandt, 1833

Anhang

Literatur und Quellen

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