Schmalschnabelgeier

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Schmalschnabelgeier

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Unterklasse: Neukiefervögel (Neognathae)
Ordnung: Greifvögel (Falconiformes)
Familie: Habichtartige (Accipitridae)
Unterfamilie: Altweltgeier (Aegypiinae)
Gattung: Gänsegeier (Gyps)
Art: Schmalschnabelgeier
Wissenschaftlicher Name
Gyps tenuirostris
Gray, 1844

IUCN-Status
Critically Endangered (CR)

Der Schmalschnabelgeier (Gyps tenuirostris) zählt innerhalb der Familie der Habichtartigen (Accipitridae) zur Gattung der Gänsegeier (Gyps). Im Englischen wird der Schmalschnabelgeier slender-billed vulture genannt. Dieser Taxon wird von einigen Autoren als Subspezies von Gyps indicus im weiteren Sinne (sensu-lato) betrachtet. Es gibt nach einhelliger Meinung keine bekannten Unterarten, demnach ist die Art monotypisch.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Der Schmalschnabelgeier ist eher ein dünner, schmächtiger Greifvogel und erreicht eine Körperlänge von etwa 80 bis 95 Zentimeter, wobei das Männchen leichter und kleiner ist als das Weibchen. Die Art ist meistens grau mit einem blassen Bürzel und grauen Unterschwanzdecken. Der lange Hals, der wie ein Schlangenhals wirkt, ist kahl, dünn und schwarz gefärbt. Der schwarz gefärbte Kopf weist eine kantige und schmale Form auf. Der dünne, längliche, dunkel gefärbte Schnabel erscheint in der Mitte schmäler und der Schnabelfirst (culmen) wirkt ziemlich blass, während die Wachshaut von einer schwarzen Färbung ist. Die Extremitäten weisen eine weiße Befiederung auf, besonders im Flug sind die charakteristisch weißen flaumigen Oberschenkel sehr gut zu erkennen. Die Jungvögel gleichen den Erwachsenen in der Gefiederfärbung, jedoch sind der obere Hals und der Nacken mit einem Hauch von Weiß überzogen. Die Unterseite ist blass gestreift. Prominent bei dieser Art ist die Ohröffnung sowie der dunkle Augenring.

Lebensweise

Der Schmalschnabelgeier lebt in trockenen, offenen Landschaften in der Nähe von menschlichen Behausungen. In Süd-Ost-Asien findet man den Schmalschnabelgeier auch in offenen und teilweise in bewaldeten Gebieten, in der Regel in den Niederungen. Der tagaktive Schmalschnabelgeier lebt gesellig in zum Teil großen Gruppen bzw. Kolonien. In diesen Gruppen leben sowohl Junggesellen als auch Erwachsene in einer festen Paarbindung. Er ist ausgesprochen reviertreu und bleibt bei ausreichender Nahrung dauerhaft an einem Ort. An Fressplätzen sind zumeist mehrere Schmalschnabelgeier und andere Geierarten anzutreffen. Der Schmalschnabelgeier ist ein guter Flieger, der auf seinen Suchflügen nach Nahrung die Thermik geschickt ausnutzt und so mühelos und kräftesparend gleitet. Dabei fliegt der Schmalschnabelgeier meist in weiten Kreisen über seinen Lebensraum. Schmalschnabelgeier können eine Flughöhe von bis zu 800 Metern erreichen. An den Fressplätzen kommt es nicht selten zu Tumulten, da wie alle Geierarten auch der Schmalschnabelgeier immer versucht sich Konkurrenten vom Leib zu halten. Der Sehsinn ist sehr gut entwickelt. Bereits aus großer Entfernung kann der Schmalschnabelgeier Aas erspähen. Die Nacht verbringen Schmalschnabelgeier gesellig in Kolonien auf ihren Schlafbäumen. Als Ruheplätze werden hohe Bäume gewählt, die gleichzeitig auch als Nistplätze dienen.

Verbreitung

Schmalschnabelgeier im Flug
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Schmalschnabelgeier im Flug

Laut der Roten Liste der IUCN kommt der Schmalschnabelgeier im Norden Indiens, in der Ganges-Ebene sowie im Westen bis Himachal Pradesh und bis Haryana und im Süden bis Süd-West-Bengalen (möglicherweise nördlich bis Orissa), im Osten in der Ebene von Assam, im Süden Nepals, im Norden von Bangladesch und in Zentral-Bangladesch vor. Früher war der Schmalschnabelgeier häufiger in Süd-Ost-Asien anzutreffen, jedoch besteht der Verdacht, dass er in Thailand und in Malaysia als ausgestorben gilt. Die einzigen bisherigen Aufzeichnungen sind aus Kambodscha, aus dem Süden von Laos und aus Myanmar. Erhebliche Verwirrungen über die Taxonomie bestehen und es macht schwierig, diese Art zu identifizieren. Es scheint jedoch, dass eine allopatrische Artbildung oder eine parapatrische Überschneidung mit dem Indiengeier (Gyps indicus) besteht in Nordindien besteht. In Süd-Ost-Asien sank in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Population. Im Wesentlichen beschränkt sich eine kleine Population auf Kambodscha, wo erste Aufzeichnungen der Horste kürzlich in dem Land aufgenommen wurden. Im Jahr 2008 zählte man in Kambodscha insgesamt 51 Individuen und in Myanmar wurde vor kurzem eine kleine Anzahl von Individuen aufgezeichnet.

Angesichts des Fehlens der intensiven Landwirtschaft und der damit verbundenen chemischen Einsätze in Süd-Ost-Asien sowie die ständige Präsenz von großen Flächen geeigneter Lebensräume für diese Art ist es nicht in erster Linie der primäre Grund für ihren Niedergang in der Region, sondern der Rückgang der großen Huftier-Populationen sowie die Verbesserung der Tierhaltung, was zu einem Mangel an verfügbaren Tierkadavern für die Geier zur Folge hat. In Indien und Nepal war die Art vor kurzem noch häufig präsent. Jedoch seit Mitte der 1990er Jahre kam es in Indien zu einem katastrophalen Rückgang bis zu 99 Prozent und jährlich zwischen 2000 und 2007 mit einem kombinierten durchschnittlichen Rückgang dieser Art und der Art Gyps Indicus von über 16 Prozent. Umfangreiche Forschungen haben das nicht-steroidale Antirheumatikum (NSAID) Diclofenac identifiziert, das die Ursache für den raschen Zusammenbruch der Population verursacht hat. Dieses Medikament wird für die Behandlung inländischer Tiere eingesetzt. Mit dem Verzehr der Tierkadaver dringen die chemischen Substanzen in den Körper der Geier ein und verursachen Nierenversagen und eine viszerale Gicht. Man nimmt auch an, dass aufgrund der Auswirkungen von Diclofenac die Bruterfolge in einigen Teilen Indiens sehr gering sind, so wurden in Assam zum Beispiel in 14 Horsten nur vier Küken gefunden. In Kambodscha wird offenbar Diclofenac nicht eingesetzt, da die verbleibende kleine Population in diesem Sinne noch einigermaßen stabil ist.

Medikament Diclofenac
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Medikament Diclofenac

Der Schmalschnabelgeier kommt noch in folgenden Gebieten vor: Bangladesch, Kambodscha, Indien, Demokratische Volksrepublik Laos, Myanmar und Nepal. Als regional ausgestorben gilt der Schmalschnabelgeier in Malaysia, Thailand und in Vietnam. Bis Mitte 2000 fand man regelmäßig in Nepal, Pakistan und in Indien verendete und sterbende Schmalschnabelgeier. Das Antirheumatikum Diclofenac wird für die Behandlung inländischer Tiere eingesetzt, was zur Folge hat, dass dieses Medikament bei den Geiern zu Nierenversagen und zu einer viszeralen Gicht führt. Nicht nur das Medikament Diclofenac trägt zum drastischen Rückgang dieser Art bei, sondern auch andere Faktoren wie zum Beispiel die Verfolgung, der menschliche Verbrauch und die Verarbeitung von toten Tieren sowie der Einsatz von Giften und Pestiziden. Ein weiteres Problem stellt auch der Zusammenbruch der großen Säugetier-Populationen sowie die bessere Bewirtschaftung der verstorbenen Tiere in Süd-Ost-Asien dar. Der Schmalschnabelgeier lebt vorwiegend in subtropischen und tropischen trockenen Wäldern, in trockenen Savannen, im subtropischen und im tropischen trockenen Buschland sowie im subtropischen und im tropischen trockenen Grasland. Des Weiteren hält sich der Schmalschnabelgeier auch auf urbanisierten Flächen auf.

Ernährung

Der Schmalschnabelgeier ernährt sich fast ausschließlich von Aas. Dabei ist es ihm völlig egal um was für tote Tiere es sich handelt. In der Regel sind es aber verendete Säugetiere (Mammalia) wie beispielsweise Huftiere (Ungulata). Aufgrund zu kleiner Krallen wird keine Beute gerissen. Gefressen werden zumeist Fleisch und die Eingeweide vom Aas. Aas wird mit Hilfe des hoch entwickelten Geruchssinnes lokalisiert. Bereits aus großer Höhe können Schmalschnabelgeier so tote Tiere erspähen. Die Suchflüge der Schmalschnabelgeier können durchaus über große Entfernungen von mehr als 100 Kilometer erfolgen. An einem Aasplatz sieht man in der Regel mehrere Geierarten. Man kann den Schmalschnabelgeier daher oftmals in Gruppen mit anderen Arten antreffen. Schmalschnabelgeier stecken ihren Hals meist tief in einen Kadaver hinein. Der Hals ist unbefiedert, so bleibt das Gefieder sauber. Sie nehmen kleinere Fleischbrocken auf und fressen diese. Nicht selten nehmen sie anderen Geiern auch ihre Beute ab.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife erreicht der Schmalschnabelgeier erst sehr spät mit etwa fünf bis sieben Jahren und in diesem Alter erfolgt auch die erste Brut. Jedoch kann der Schmalschnabelgeier auch schon bevor er dieses Alter erreicht hat, mit vier Jahren brüten. Hat sich ein Paar gefunden, so bleiben sie für gewöhnlich ein Leben lang zusammen. Schmalschnabelgeier sind nicht nur während des Jahres, sondern auch während der Paarungszeit gesellig. Der Schmalschnabelgeier brütet auf hohen Bäumen, in einer Höhe von etwa 7 bis 14 Metern. Diese Bäume befinden sich oft in der Nähe menschlicher Siedlungen, nicht selten in unmittelbarer Nähe von Dörfern. Der Horst wird aus Ästen und Reisig gebaut und spärlich mit Blättern und Gräsern ausgepolstert. Der Horst kann durchaus einen Durchmesser von bis zu 120 Zentimeter und eine Höhe von gut 30 bis 40 Zentimeter aufweisen. Der Nistplatz wird für mehrere Jahre genutzt. Das Weibchen legt lediglich ein Ei, das über einen Zeitraum von 50 bis 55 Tagen von beiden Partnern gewärmt wird. Das Küken wird von beiden Elternteilen gleichermaßen mit Nahrung versorgt. Nach einer sehr langen Nestlingszeit von rund fünf Monaten ist der Jungvogel flügge. Der Nachwuchs bleibt allerdings noch einige Monate in der unmittelbaren Nähe der Eltern.

Gefährdung und Schutz

Alternatives Medikament Meloxicam
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Alternatives Medikament Meloxicam

Laut der Roten Liste der IUCN wird die Art vom Aussterben bedroht (critically endangered) eingestuft, weil die Art einen extrem schnellen Rückgang der Population aufweist, insbesondere im Indischen Subkontinent, vor allem aufgrund der inländischen Tiere, die mit dem Tierarzneimittel Diclofenac behandelt werden. Der Schmalschnabelgeier wird im Anhang II des CITES und im Anhang II der CMS geführt. Die Art ist in vielen Schutzgebieten präsent. Die indische Regierung hat nun ein Gesetz verabschiedet, dass eine weitere Herstellung des Tierarzneimittels Diclofenac verbietet, das den raschen Rückgang der Population auf dem Indischen Subkontinent verursacht hat. Das Ziel der indischen Regierung ist es, den Ausstieg aus der Verwendung von Ende 2005, obwohl der Verkauf nicht verboten wurde und wahrscheinlich die zahlreichen Anwendungen für mehrere Jahre noch bleiben werden. Ähnliche Gesetze verbieten die Einfuhr und die Herstellung von Diclofenac inzwischen in Nepal und in Pakistan.

Es werden Anstrengungen unternommen, das Tierarzneimittel Diclofenac durch eine geeignete Alternative zu ersetzen. Pharmaunternehmen haben nun Meloxicam als Alternative zu Diclofenac getestet und das Medikament zeigte keinerlei negative Wirkungen. In Zusammenarbeit mit The Kambodscha Vulture Conservation Project, eine Partnerschaft zwischen der Königlichen Regierung Kambodschas und NGOs, geführt von der Wildlife Conservation Society (WCS) und darunter auch BirdLife International, WWF, RSPB und Angkor-Center, die sich für die Erhaltung der Biodiversität einsetzen, haben verschiedene Programme ausgearbeitet, unter anderem auch das Programm Zusatzernährung durch sogenannte Geier-Restaurants für die Art und für andere Geierarten. Des Weiteren werden die Vögel über Satelliten in verschiedenen Teilen des Verbreitungsgebietes zum Verständnis ihrer Bewegungen beobachtet. Auch die Nahrungsplätze, Brut- sowie die Ruheplätze stehen ständig unter Beobachtung, um geeignete Strategien für die Erhaltung der Art zu entwickeln. Sozioökonomische Studien in Nepal haben gezeigt, dass Menschen vor Ort sich stark für die Erhaltung der Geier engagieren wegen der damit verbundenen ökologischen Leistungen, die sie bieten. Im Jahr 2004 hat der International South Asian Vulture Konjunkturprogramm Workshop eine umfassende Liste von Empfehlungen einschließlich der Festlegung von mindestens drei Zuchtstationen mit je 25 Paaren herausgebracht. Die Zucht-Bemühungen begannen im Jahre 2006 mit 18 Schmalschnabelgeier in der Zuchtstation in Pinjore, Indien. Im April 2008 gab es dann 28 Vögel in drei indischen Zuchtstationen. Des Weiteren wurde eine Webseite eingerichtet, um Forschern zu erlauben, Daten über die bekannten Kolonien beizutragen, um so eine vollständige geografische Ausbreitung der Art besser darstellen und identifizieren zu können.

Um die Art vor dem Aussterben zu bewahren, ist eine Ermittlung der Lage und der Anzahl der verbliebenen Individuen zwingend erforderlich. Des Weiteren Verbot der Verwendung von Diclofenac, Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der öffentlichen Förderprogramme. Ferner Monitoring der übriggebliebenen Populationsgruppen, insbesondere replizierende Erhaltung und Forschungsaktivitäten, die in Kambodscha und in Myanmar umgesetzt werden sollten. Wichtig für die Art sind zusätzliche Nahrungsquellen, insbesondere während der Brutzeit. Förderung der unmittelbaren Anwendung von Meloxicam als Alternative zu Diclofenac sowie Test anderer NSAR (eine Gruppe entzündungshemmender Schmerzmittel) zur zusätzlichen sicheren Alternative zum identifizierten Diclofenac und auch zu anderen toxischen Wirkstoffen.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Prof. Dr. Dr. H. C. Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Band 7-9 Vögel. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG München (1993) ISBN 3-423-05970-2
  • Gottfried Mauersberger, Wilhelm Meise: Urania Tierreich, 7 Bde., Vögel.Urania, Stuttgart (1995) ISBN 3423032049
  • Einhard Bezzel, Roland Prinzinger: Ornithologie, Utb, 1990, ISBN 3800125978
  • Hans-Heiner Bergmann: Die Biologie des Vogels. Aula, 1987, ISBN 389104447X

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