Vancouver-Murmeltier

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Vancouver-Murmeltier

Systematik
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Hörnchenverwandte (Sciuromorpha)
Teilordnung: Sciurida
Überfamilie: Hörnchenartige (Sciuroidea)
Familie: Hörnchen (Sciuridae)
Unterfamilie: Erd- und Baumhörnchen (Sciurinae)
Tribus: Echte Erdhörnchen (Marmotini)
Untertribus: Marmotina
Gattung: Murmeltiere (Marmota)
Art: Vancouver-Murmeltier
Wissenschaftlicher Name
Marmota vancouverensis
(Swarth, 1911)

IUCN-Status
Critically Endangered (CR)

Das Vancouver-Murmeltier (Marmota vancouverensis) zählt innerhalb der Familie der Hörnchen (Sciuridae) zur Gattung der Murmeltiere (Marmota). Im Englischen wird die Art Chinese Ferret Badgers, Vancouver Island Marmot oder Vancouver Marmot genannt (IUCN, 2012). Die Art ist monotypisch, Unterarten sind demnach keine bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Fossile Funde

Fossile Funde der Art wurde bisher nicht gefunden. Die ältesten Funde weisen ein Alter von etwa 1.500 Jahren auf und wurden in der Shoemaker Bay gefunden. Man geht davon aus, dass sich die Art im Pleistozän vom Eisgrauen Murmeltier (Marmota caligata) abgespalten hat. Um diese These jedoch zu verifizieren sind fossile Funde nötig (Nagorsen, 1987).

Unterschiede zu anderen Arten

Das Vancouver-Murmeltier gehört innerhalb der Marmota zur caligata-Gruppe. Die Arten dieser Gruppe können über externe Merkmale unterschieden werden. Dies sind das dunkelbraune bis schwärzliche Fell, die Größe und die Morphologie der Hinterfüße. Zu der Gruppe gehören das Eisgraue Murmeltier (Marmota caligata) und das Olympische Murmeltier (Marmota olympus). Von beiden Arten kann das Vancouver-Murmeltier durch das sehr dunkle, fast schwarze Fell und den eher schmalen Prämolar P3 unterschieden werden (Nagorsen, 1987).

Beschreibung

Aussehen und Maße

Das Vancouver-Murmeltier erreicht eine Gesamtlänge von 681,6 bis 708,4 (695) mm, eine Schwanzlänge von 203,9 bis 236,1 (220) mm, eine Hinterfußlänge von 94,8 bis 99,2 (97) mm, eine Ohrlänge von 27 bis 30 mm, eine Jochbeinbreite von 64,2 bis 65,0 (64,6) mm sowie ein Gewicht von 3.000 bis 6.500 g. Das Gewicht der Tiere schwankt saisonal sehr stark. Im Herbst, kurz vor der Winterruhe, wird das höchste Gewicht erreicht. Nach Beendigung der Winterruhe ist die gesamte Speckschicht verbraucht. Die Schwanzlänge entspricht etwa 33 bis 46% der Körperlänge. Das grobe Fell weist eine dunkelbraune bis fast schwarze Färbung auf. Die Fellfärbung kann je nach Alter eines Tieres variieren. Das Fell besteht aus einer dichten Unterwolle, die die Tiere gegen Kälte und Nässe schützt, sowie aus oben aufliegenden gröberen Grannenhaaren. Mitte Juli erfolgt der jährliche Fellwechsel. Der Körperbau ist durchaus kompakt, der Kopf setzt sich nur wenig vom Körper ab. Dieser Eindruck wird auch durch die kurzen aber kräftigen Extremitäten unterstrichen. Die Sohlen der Vorderfüße verfügen über 3 Pads an der Basis der Finger. Die Zehen der Hinterfüße verfügen über 6 plantare Pads. Das Gebiss besteht aus 22 Zähnen, die zahnmedizinische Formel lautet 1/1, 0/0, 2/2, 3/3. Weibchen verfügen zum Säugen des Nachwuchses über 5 Paar Zitzen (Nagorsen, 1987 ; Novak, 1999).

Lebensweise

Als tagaktive Art entfalten die Tiere ihre Hauptaktivitäten vor allem am Morgen, gegen Abend und um die Mittagszeit. Die Vancouver-Murmeltiere leben in sozialen, kleinen Kolonien, die aus etwa 8 Tieren bestehen können. Eine solche Gruppe besteht meist aus mehreren Männchen und Weibchen sowie deren Nachwuchs. Nicht selten ist nur ein Männchen in einer Gruppe vorhanden. Besteht eine Gruppe aus mehreren Männchen, so herrscht unter ihnen eine strikte Rangfolge. Die Rangfolge wird durch ritualisierte Kommentkämpfe festgestellt. Die Größe der Reviere ist unbekannt. Ihr Revier markieren die Tiere mit einem Sekret aus ihren Backendrüsen, das an Steine und Sträucher gerieben wird. Verlassen die Vancouver-Murmeltiere ihre Behausung, so passen immer einige Tiere auf. Bei Gefahr stoßen sie einen schrillen Pfiff aus, so dass die Familie schnell gewarnt ist und den schützenden Bau aufsuchen kann. Den Bau verlassen die Tiere meist nur zur Nahrungssuche und -aufnahme. Die Ausrufe sind meist kurz und erstrecken sich über 0,2 bis 0,84 Sekunden. Während der kalten Jahreszeit halten die Vancouver-Murmeltiere Winterruhe. Während der Winterruhe reduziert sich die Atmung auf 1 bis 3 Atemzüge pro Minute, um Energie zu sparen (Nagorsen, 1987; Novak, 1999).

Verbreitung und Lebensraum

Die Art ist auf Vancouver Island in British Columbia, Kanada endemisch. Das Verbreitungsgebiet war für die Art namensgebend. Die Prähistorischen Vorkommen sind unbekannt (Nagorsen, 1987). Vancouver-Murmeltiere besiedeln subalpine Steppengebiete in Höhen von 1.100 bis 1.450 m über NN. Zu den typischen Gewächsen in dieser Region zählen Felsengebirgs-Tannen (Abies lasiocarpa), Berg-Hemlocktannen (Tsuga mertensiana), Nutka-Scheinzypressen (Callitropsis nootkatensis), Heidelbeeren (Vaccinium), Erlen (Alnus), Berufkräuter (Erigeron), Rhododendren (Rhododendron), Flammenblumen (Phlox diffusa), Astern (Aster), Lupinen (Lupinus) und Adlerfarne (Pteridium) (Nagorsen, 1987; IUCN, 2012).

Biozönose

Zu den natürlichen Feinden der Vancouver-Murmeltiere zählen Wölfe (Canis lupus), Fichtenmarder (Martes americana), der Vielfraß (Gulo gulo), der Puma (Puma concolor), Amerikanische Schwarzbären (Ursus americanus), Rotschwanzbussarde (Buteo jamaicensis), Habichte (Accipiter gentilis), Steinadler (Aquila chrysaetos) und der Virginia-Uhu (Bubo virginianus) (Nagorsen, 1987). Neben den natürlichen Feinden werden die Murmeltiere auch von verschiedenen Ekto- und Endoparasiten befallen. Hier sind insbesondere Flöhe (Siphonaptera) und Zecken (Ixodida) sowie zahlreiche Fadenwürmer (Nematoden) und Bandwürmern (Cestoda) (Nagorsen, 1987) zu nennen.

Ernährung

Das Vancouver-Murmeltier ernärt sich rein vegetarisch. Aus der Speisekarte stehen Wurzeln, Blättern, Knospen und Blüten, Sämereien sowie von Kräutern und Gräsern. Im Sommer und Herbst fressen sich die Tiere eine dicke Speckschicht an, um den langen Winterschlaf zu überstehen, bei dem sie einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Gewichtes verlieren. Zu den Futterpflanzen zählen beispielsweise Wiesenrauten (Thalictrum orientale), Heidelbeeren (Vaccinium), Adlerfarne (Pteridium), Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), die Schöne Akelei (Aquilegia formosa), Wiesenrauten (Thalictrum occidentale), Lupinen (Lupinus), Bärenklau (Heracleum), Flammenblumen (Phlox diffusa), Castilleja hispida, Castilleja miniata, Castilleja parviflora, Baldriane (Valeriana sitchensis), Platterbsen (Lathyrus nevadensis), Sandkräuter (Arenaria), Wollige Wollblätter (Eriophyllum lanatum), Zahnlilien (Erythronium grandiflorum), Lilien (Lilium columbianum), Germer (Veratrum viride) und Seggen (Carex) (Nagorsen, 1987).

Fortpflanzung

Vancouver-Murmeltiere erreichen die Geschlechtsreife mit rund 3 Jahren. Die Paarungszeit beginnt etwa 3 Wochen nach der Winterruhe. Während der Paarungszeit begattet das Männchen alle Weibchen in seinem Harem. Nach einer kurzen Tragezeit von 28 bis 33 Tagen bringt das Weibchen in ihrem Wohnkessel durchschnittlich meist zwischen 2 und 4 (3) Jungtiere zur Welt. Die Jungtiere sind sowohl blind, nackt, taub als auch zahnlos. Die Säugezeit ist unbekannt. Die Jungtiere verbleiben bis zu zwei Jahren bei der Mutter (Nagorsen, 1987).

Ökologie, Gefährdung und Schutz

Vancouver-Murmeltiere sind stark vom Aussterben bedroht. Die Bestände werden auf wenige 100 Individuen geschätzt. In der Roten Liste der IUCN wird die Art in der Kategorie CR, Critically Endangered geführt. Einer direkten, akuten Bedrohung ist die Art nicht ausgesetzt. Die negativen Bestandsveränderungen ergeben sich aus den langfristigen Veränderungen der Umwelt, der prähistorische Bejagung und der Forstwirtschaft. Besonders gravierend wirkt sich der Holzeinschlag bis hin zum Kahlschlag aus. Aufgrund der geringen Populationsstärke dürfte sich auch die genetische Armut negativ auf zukünftige Generationen auswirken. Ein weiterer Ansatzpunkt ist die hohe Sterblichkeit nach einem langen und kalten Winter (IUCN, 2012).

Anhang

Siehe auch

  • Hauptartikel: die Familie der Hörnchen (Sciuridae)

Literatur und Quellen

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