Wanderratte

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Wanderratte

Systematik
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Mäuseverwandte (Myomorpha)
Teilordnung: Myodonta
Überfamilie: Hamster- und Mäuseartige (Muroidea)
Familie: Langschwanzmäuse (Muridae)
Unterfamilie: Echte Mäuse (Murinae)
Gattung: Eigentliche Ratten (Rattus)
Art: Wanderratte
Wissenschaftlicher Name
Rattus norvegicus
Berkenhout, 1769

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Wanderratte (Rattus norvegicus), auch unter den Synonymen Rattus caraco Pallas, 1779, Rattus caspius Oken, 1816, und Rattus decimallus Pallas, 1779 bekannt, gehört innerhalb der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) zur Gattung der Eigentlichen Ratten (Rattus). Im Englischen wird die Wanderratte brown rat genannt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Wanderratte erreicht eine Gesamtlänge von bis zu 40 cm sowie ein Gewicht von 150 bis 500 g. Weibchen bleiben in der Regel kleiner und leichter als Männchen. Das Fell ist überwiegend gräulich bis graubraun gefärbt. Der Kehlbereich und die Bauchseite sind dabei immer deutlich heller. Domestizierte Exemplare können auch eine weiße, schwarze oder gescheckte Färbung aufweisen. Der sehr lange Schwanz, der annähernd die Länge des Körpers aufweisen kann, ist unbehaart. Die kurzen Ohren sind nur wenig mit Fell besetzt. Die Augen, insbesondere die Iris, sind dunkel, fast schwarz gefärbt. Im Bereich der stumpf endenden Schnauze sind Tasthaare zu erkennen, die der Orientierung und der Kommunikation dienen. Die kurzen Extremitäten sind im Bereich der Füße unbehaart. Die Haut ist an diesen Stellen fleischfarben. Die Füße enden in Zehen, die mit kleinen Krallen versehen sind.

Verhalten

Wanderratten sind hauptsächlich dämmerungs- und nachtaktiv. Während des Tages ruhen sie an geschützter Stelle. In der Nacht gehen sie auch auf Nahrungssuche. Meist befindet sich in ihrem Lebensraum irgendeine Art von Gewässer. Das kann ein See, ein Teich oder auch ein Abwasserkanal sein. Sie sind ausgezeichnete Schwimmer. Wanderratten legen ein komplexes und sozial ausgerichtetes Verhalten an den Tag. Sie leben in größeren Gruppen oder auch in kleineren Familiengruppen. Eine Gruppe kann dabei aus mehreren Männchen und Weibchen sowie deren Nachwuchs bestehen. Angeführt wird eine Gruppe von einem dominierenden Männchen. Zudem herrscht innerhalb einer Gruppe eine strikte Rangfolge.

Wanderratten kann man durchaus als territorial bezeichnen, die meist einen Umkreis von 100 Metern um ihr zentrales Nest als ihr Revier ansehen. Es wird insbesondere gegenüber Artgenossen verteidigt. Gibt ein Lebensraum keine Nahrung mehr her, so suchen sie sich einen neuen Lebensraum. Neben der für Ratten üblichen vokalen Kommunikation verständigen sich Ratten auch durch chemische (Reviermarkierung durch Urin und Kot) und Tastkommunikation. Über ihre Tasthaare nehmen sie selbst feinste Erschütterungen wahr. Auch der Geruchssinn ist exzellent entwickelt, er dient hauptsächlich zur Nahrungssuche.

Unterarten

Verbreitung

Vorkommen

Die Wanderratte hat ihren Ursprung im nördlichen China. Über die Jahrhunderte hat sie sich über weite Teile des nördlichen Asiens sowie über Mittel- und Nordeuropa verbreitet. Vor allem in Osteuropa ist sie heute zur Plage geworden. In Mitteleuropa gilt sie als weitestgehend ausgerottet und kommt nur noch gebietsweise vor. Im 19. und 20. Jahrhundert breitete sich die Wanderratte auch über andere Erdteile aus. Sie ist nunmehr auch mehr oder weniger häufig in Südostasien, Nord-, Mittel- und Südamerika sowie in Südostasien einschließlich Australien verbreitet.

Lebensraum

Wanderratten bewohnen eine Vielzahl von Lebensräumen. Sie sind ausgesprochen anpassungsfähig und leben sowohl in Wäldern, in Sümpfen und Heidelandschaften als auch bevorzugt in urbanisierten Gegenden. In Dörfern und Städten fühlen sie sich besonders wohl, da sie hier reichlich Nahrung finden. In Städten leben sie häufig in Abwasser- und Kanalsystemen. Aber auch Getreidesilos, Scheunen, Kellern und andere feuchte und dunkle Habitate werden gerne besiedelt.

Prädatoren

Wanderratten haben eine Vielzahl von Fressfeinden. Dazu gehören größere Greifvögel, Reptilien und räuberisch lebende Säugetiere. In weiten Teilen ihrer Verbreitungsgebiete werden sie auch vom Menschen als Schädling gejagt. In Siedlungsräumen werden sie insbesondere von Hauskatzen gejagt. Wanderratten stehen zudem in Konkurrenz zu anderen Arten ihrer Gattung.

Schädel und Gebiss einer Wanderratte
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Schädel und Gebiss einer Wanderratte

Ernährung

Wanderratten gehören zu den Allesfressern. Neben pflanzlicher Nahrung wie Früchte und Körner wird hauptsächlich tierische Nahrung zu sich genommen. Dazu gehören Insekten und wirbellose Tiere. Auch Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische werden nicht verschmäht. Ihre Nahrung finden sie über ihren hoch entwickelten Geruchssinn. In der Nähe menschlicher Siedlungen fressen sie auch Abfall jeglicher Art. Es wurde auch schon beobachtet, dass Wanderratten durchaus kleinere Säuger und Vögel als Nahrung ansehen und angreifen. Bei massenhaftem Auftreten können Wanderratten durchaus erheblichen Schaden anrichten. Nicht nur weil alles was verwertbar ist gefressen wird, sondern auch die Ausscheidungen eine Verunreinigung darstellen. Eine Wanderratte benötigt am Tag im Durchschnitt etwa 20 bis 40 g an Nahrung sowie in etwa die gleiche Menge an Flüssigkeit.

Fortpflanzung

Paarungsverhalten

Die Geschlechtsreife erreicht eine Wanderratte mit etwa zwei bis drei Monaten. Männchen sind zwar im Schnitt einige Wochen früher geschlechtsreif, aufgrund der Konkurrenz unter den Männchen kommen sie in der Regel aber erst später zu ihrer ersten Paarung. Eine Wanderratte kann sich bis in einem Alter von etwa zwei Jahren fortpflanzen. Wanderratten leben in polygamen Gruppen. Ein Männchen paart sich innerhalb einer Gruppe mit mehreren Weibchen. In gemäßigten Regionen der Erde ist die Paarungszeit an keine Jahreszeit gebunden. In kalten Verbreitungsgebieten erstreckt sich die Paarungszeit über das Frühjahr und den Sommer. Ein Weibchen kann fünf- bis siebenmal im Jahr Nachwuchs zur Welt bringen. Sofort nach der Geburt ist ein Weibchen wieder empfängnisbereit. In solch kurzen Abständen kann ein Weibchen zwischen 50 und 60 Jungtiere pro Jahr zur Welt bringen.

Nest und Brut

Ein Nest wird an einer geschützten Stelle eingerichtet. Meist bringen mehrere Weibchen in einem Nest ihre Jungen zur Welt. Nach einer sehr kurzen Tragezeit von 22 bis 24 Tagen werden zwischen sechs und zwölf Jungtiere geworfen. Das Geburtsgewicht beträgt lediglich um die fünf Gramm, und sie weisen noch kein Fell auf. Nach ca. 15 - 17 Tagen öffnen sie ihre Augen. Sie werden für einen Zeitraum von gut drei Wochen gesäugt. Innerhalb eines Nestes von mehreren Weibchen werden die Jungtiere von allen Weibchen gesäugt, unabhängig davon zu welchem Muttertier ein Jungtier zuzuordnen ist. An der Aufzucht beteiligen sich nur die Weibchen. Nach bereits vier bis fünf Wochen sind die Jungtiere selbstständig. Die Lebenserwartung einer Wanderratte liegt bei etwa eineinhalb bis maximal zwei Jahren.

Ökologie

Bei massenhaftem Auftreten können Wanderratten durchaus zu einer ernstzunehmende Plage werden. Sie sind nicht nur gefräßig und in Bezug auf ihre Ausscheidungen gefährlich, sie sind auch ein Wirt für zahlreiche Parasiten und Krankheitserreger. Zu den gefährlichsten Krankheiten zählen nicht nur die Pest, die nicht durch die Ratte sonern durch den Rattenfloh verursacht wurde, sondern auch das Fleckfieber . Ihre Gefräßigkeit verursacht zudem jährlich einen hohen monetären Schaden. Dazu gehört insbesondere die Zerstörung von Lebensmitteln und der Fraß an elektrischen Leitungen. In der jüngeren Vergangenheit werden vermehrt domestizierte Wanderratten als Haustiere gehalten.

Anhang

Literatur und Quellen

  • David Macdonald: Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Ullmann/Tandem ISBN 3833110066
  • Hans Petzsch: Urania Tierreich, 7 Bde., Säugetiere. Urania, Stuttgart (1992) ISBN 3332004999

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