Winternachtschwalbe

aus Tierdoku, der freien Wissensdatenbank

Winternachtschwalbe

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Unterklasse: Neukiefervögel (Neognathae)
Ordnung: Schwalmartige (Caprimulgiformes)
Familie: Nachtschwalben (Caprimulgidae)
Unterfamilie: Caprimulginae
Gattung: Phalaenoptilus
Art: Winternachtschwalbe
Wissenschaftlicher Name
Phalaenoptilus nuttallii
Audubon, 1844

IUCN-Status
Least Concern (LC)

Die Winternachtschwalbe (Phalaenoptilus nuttallii), auch als Poorwill bekannt, zählt innerhalb der Familie der Nachtschwalben (Caprimulgidae) zur Gattung der Phalaenoptilus. Die Winternachtschwalbe ist auch unter dem Protonym Caprimulgus nuttallii bekannt. Im Englischen wird die Winternachtschwalbe Common Poorwill oder Colorado Desert genannt.

Die Winternachtschwalbe ist leicht mit der Falkennachtschwalbe (Chordeiles minor), mit der Carolinanachtschwalbe (Caprimulgus carolinensis) und mit der Schwarzkehl-Nachtschwalbe (Caprimulgus vociferus) zu verwechseln. Bei den Arten fehlen jedoch die weißlichen Markierungen auf den Flügeln und auf dem Rücken, die bei der Winternachtschwalbe gut sichtbar sind. Auch der Gesang unterscheidet sich deutlich.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Die Winternachtschwalbe ist die kleinste nordamerikanische Nachtschwalbe. Sie erreicht je nach Unterart eine Körperlänge von 19 bis 21 Zentimeter, eine Flügelspannweite von 30 Zentimeter sowie ein Gewicht von 36 bis 58 Gramm. In der Größe weisen die Geschlechter keinen Dimorphismus auf. In der Gefiederfärbung zeigen sich kleine Unterschiede. So weist die Schwanzspitze des Männchens ein weißliches Querband auf. Auch die deutlich sichtbare weiße Halsbinde ist nur bei den Männchen vorhanden. Die Kehle und die Brust sind dunkel getönt. Das Gefieder ist oberseits bräunlich bis graubraun gefärbt. Facettenreiche dunkle und helle Muster ziehen sich vom Kopf über den gesamten Rücken und die Flügel bis zum Schwanz. Die Bauchseite ist insgesamt etwas heller gefärbt und weist ebenfalls wellenartige Muster auf. Die Flügel und der Schwanz sind leicht abgerundet. Der Schwanz ist ähnlich wie bei den Schwalben (Hirundinidae) gut sichtbar gegabelt. Der Schnabel ist kräftig und ausgesprochen breit und kurz. An dem kurzen Schnabel befinden sich lange Borsten. Die Extremitäten sind sehr kurz geraten, im Sitzen sind sie kaum zu sehen. Der Kopf ist groß und abgeflacht. Ferner weist die Winternachtschwalbe große dunkle Augen auf. Der Gesang ist typisch für die melancholische Nachtschwalbe. Die erste Anmerkung klingt leiser als die zweite Anmerkung und die dritte Silbe ist ein wahrnehmbarer Ruf und klingt etwa wie "pur-will", dieser Ruf war auch im Englischen und auch im Deutschen für diese Art namensgebend. Im Singflug hört man ein leises "wurt wurt". Die einzelnen Unterarten unterscheiden sich geringfügig in der Gefiederfärbung.

Wüstenlandschaft in Kalifornien
vergrößern
Wüstenlandschaft in Kalifornien

Lebensweise

Die Brutgebiete der Winternachtschwalbe befinden sich in Mittelamerika und in Nordamerika. Die Brutsaison beginnt Ende März im südlichen Bereich und bis Ende Mai im nördlichen Bereich. In der wärmeren Jahreszeit ruht die Winternachtschwalbe tagsüber am Boden, während sie in der Abenddämmerung sowie in der Nacht Geflügelte Insekten jagt. Man kann sie auch noch in der Morgendämmerung bei der Jagd nach Beute beobachten. Dabei fliegt sie sehr niedrig mit weit geöffnetem Schnabel über dem Boden oder hüpft vom Boden aus in die Luft, um nach fliegenden Insekten zu schnappen. Manchmal wartet die Winternachtschwalbe auf einer exponierten Ansitzwarte auf Beute. Gelegentlich fängt sie auch Insekten (Insecta) direkt am Boden. Wenn die Nahrung im Winter knapp wird, dann sucht sich die Winternachtschwalbe eine geschützte Stelle wie zum Beispiel eine Felsspalte. Bemerkenswert ist, dass die Winternachtschwalbe der einzige Vogel ist, der für längere Zeit (Wochen bis Monate) in eine Art Kältestarre fällt oder einen Winterschlaf hält. Dabei verlangsamen sich Atmung und Herzschlag. Ferner wird der Stoffwechsel gedrosselt und die Körpertemperatur kann von 40 Grad Celsius bis auf unter 10 Grad Celsius sinken. Dieses Phänomen geschieht vorwiegend im südlichen Bereich der Vereinigten Staaten von Amerika, wo die Winternachtschwalbe inaktiv den Winter verbringt. Dieses Verhalten wurde aber auch in Kalifornien und in New Mexico beobachtet. Solch einen längeren Zeitraum der Kältestarre ist bei anderen Vögeln nicht bekannt. Die Winternachtschwalbe ist nur wenig gesellig und legt ein starkes territoriales Verhalten an den Tag. Vor allem das Männchen reagiert auf Eindringlinge aggressiv und verteidigt das Revier, dass eine Größe von einigen Quadratkilometern aufweisen kann, vehement.

Unterarten

Wissenschaftlicher Name Erstbeschreiber IUCN-Status Vorkommen
Phalaenoptilus nuttallii adustus Van Rossem, 1941 LC Arizona/USA, Sonora/Mexiko
Phalaenoptilus nuttallii californicus Ridgway, 1887 LC Kalifornien/USA, Baja California/Mexiko
Phalaenoptilus nuttallii centralis Moore, 1947 LC Mexiko
Phalaenoptilus nuttallii dickeyi Grinnell, 1928 LC Baja California, Baja California Sur/Mexiko
Phalaenoptilus nuttallii hueyi Dickey, 1928 LC Kalifornien, Arizona/USA
Phalaenoptilus nuttallii nuttallii Audubon, 1844 LC Mexiko

Verbreitung

Die Brutgebiete der Winternachtschwalben liegen je nach Unterarten in Mittelamerika und in Nordamerika. Sie erstrecken sich vom südlichen British Columbia und südöstlich von Alberta, durch den Westen der Vereinigten Staaten von Amerika bis nach Texas und bis ins nördliche Mexiko. Ferner kommt sie in Süd-Ost-Montana und in Teilen des mittleren Westens sowie im Süden an der Westküste von Zentral-Kalifornien, Süd-Arizona bis nach Baja California vor.
Wüstenlandschaft in Kalifornien
vergrößern
Wüstenlandschaft in Kalifornien
In den Brutgebieten sind Winternachtschwalben in Bezug auf ihren Lebensraum nur wenig wählerisch. Sie sind sowohl an sandigen Küstenstreifen als auch in Savannen, in trockenen, offenen Prärien, in lichten Wäldern und deren Ränder, sogar auf steinigen Wüstenpisten mit sehr wenig Vegetation ist sie anzutreffen. Des Weiteren hält sich die Winternachtschwalbe auch in bewaldeten Steppen und in felsigen Schluchten auf. Vor allem in ariden und semiariden Regionen ist sie häufig anzutreffen. Auch gemischte Gebiete, die mit Weiden und Sträuchern bewachsen sind wie zum Beispiel Wacholder (Juniperus) und Salbei (Salvia), werden gerne besiedelt. Die Nähe zum Menschen wird keineswegs gemieden. So ist die Winternachtschwalbe auch auf landwirtschaftlichen Flächen und in der Nähe von Siedlungsräumen anzutreffen. Die Nistplätze liegen zumeist in dichter Vegetation auf dem Boden und an ähnlich geschützten Stellen. Eine flache Erdmulde, die nur mit einigen Kiefernadeln ausgepolstert wird, reicht der Winternachtschwalbe bereits aus. Aufwändige Nester werden nicht errichtet.

Ernährung

Die Winternachtschwalbe ernährt sich ausschließlich von Insekten (Insecta). Auf Nahrungssuche geht die Winternachtschwalbe in der Abenddämmerung sowie in der Nacht. Die Nahrungssuche kann sich manchmal bis zur Morgendämmerung hinziehen. Insekten werden zumeist in der Luft erbeutet. Häufig sucht sie auch Insekten am Boden oder springt vom Boden aus in die Luft, um nach fliegenden Insekten zu schnappen. Ihr breiter, schaufelartiger Schnabel ist für diese Art der Jagd wie geschaffen. Die großen Augen lassen auf einen hoch entwickelten Sehsinn schließen. Zur bevorzugten Nahrung gehören Käfer (Coleoptera), fliegende Ameisen (Formicoidea), Geradflügler (Orthoptera), Motten (Tineidae), Schmetterlinge (Lepidoptera), insbesondere Nachtfalter, Wanzen (Heteroptera), Fliegen (Brachycera) und Mücken (Nematocera) sowie Hautflügler (Hymenoptera). Rund 50 Prozent der Nahrung entfallen dabei auf Käfer. Die Winternachtschwalbe würgt wie eine Eule Gewölle unverdaulicher Teile aus. Ferner wurde beobachtet, dass sie Flüssigkeit, die sich manchmal auf ihren Flügeln befindet, zu sich nimmt.

Prädatoren

Winternachtschwalben gehören zu den Bodenbrütern. Daher sind vor allem die Nester anfällig und werden oft von Greifvögeln und von anderen Vögeln sowie von Säugetieren heimgesucht. Zu den natürlichen Freßfeinden zählen in den Brutgebieten vor allem Streifenskunks (Mephitis mephitis), verwilderte Hauskatzen (Felis catus), Kojoten (Canis latrans), Rotfüchse (Vulpes vulpes), Graufüchse (Urocyon cinereoargenteus), Raben und Krähen (Corvus) wie die Amerikanerkrähe (Corvus brachyrhynchos), Greifvögel (Falconiformes) wie der Buntfalke (Falco sparverius) und Eulen (Strigiformes). Aber auch einige Schlangenarten (Serpentes) haben es auf die Brut und die Eier der Winternachtschwalben abgesehen. Trotz der guten Tarnung gehen viele Gelege verloren. Bei der Verteidigung von Revier und Brut weisen die Geschlechter unterschiedliche Aktivitäten auf. Während die Männchen ihr Revier aktiv verteidigen und einen Angreifer durchaus heftig attackieren, legen die Weibchen ein eher defensives Verhalten an den Tag. Weibchen versuchen einen Angreifer grundsätzlich vom Nest wegzulocken, ohne jedoch einen Angreifer anzugehen. Dabei sind sie in der Lage, Verletzungen vorzutäuschen, um so die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen oder wie eine Schlange zu zischen.

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife wird mit einem Jahr erreicht. Die Paarungszeit beginnt sehr spät und die Winternachtschwalben treffen in den Brutgebieten Ende März im südlichen Bereich und bis Ende Mai im nördlichen Bereich ein. Die Weibchen treffen ein bis zwei Wochen vor den Männchen ein. Das Weibchen wählt einen adäquaten Nistplatz aus und wartet auf die Ankunft des Männchens. Die Balz ist durch Balzflüge geprägt, die vom Männchen vorgetragen werden und mit Sturzflügen einhergehen. Bei den Sturzflügen werden durch die Flügel streifende Luft laute Geräusche erzeugt.
Wüstenlandschaft in Kalifornien
vergrößern
Wüstenlandschaft in Kalifornien
Unmittelbar nach der Landung in unmittelbarer Nähe zu einem Weibchen präsentiert ein Männchen seine weiße Halsbinde und seinen Schwanz, der stark vibrierend präsentiert wird. Die Annäherung geht seitens des Männchens mit krächzenden Lauten einher, die über die Kehlmembrane produziert werden. Winternachtschwalben leben in einer monogamen Einehe. Die Nester entstehen an geschützter Stelle zumeist in dichter Bodenvegetation oder auf einer harten Kiesoberfläche. Den Vögeln reicht dabei eine einfache Mulde, die manchmal mit Kiefernadeln ausgepolstert wird. Das Weibchen legt in der Regel zwei Eier in das Nest. Die Eier weisen eine weiße bis cremige, oder zartrosa Färbung auf, die manchmal mit einer dunklen Tüpfelung versehen sind. Die Größe der Eier beträgt 3 mal 2,1 Zentimeter. Das Weibchen wärmt die Eier überwiegend alleine über einen Zeitraum von 20 bis 21 Tagen. Das Männchen wärmt die Eier meist nur in den Brutpausen des Weibchens, seine Hauptaufgabe ist die Revierverteidigung. In den späten Abendstunden verlässt sie kurz das Nest um auf Nahrungssuche zu gehen. Die geschlüpften Küken sind beim Schlupf bereits weit entwickelt, auch ihre Augen sind bereits geöffnet. Das Dunengefieder dient vor allem der Tarnung. Die Küken werden von den Eltern ausschließlich mit Insekten gefüttert. Bereits im Alter von 20 bis 23 Tagen erreichen die Jungvögel die Flugfähigkeit. Selbständig sind sie jedoch erst im Laufe der fünften Woche. Die Lebenserwartung liegt bei fünf bis sechs Jahren, selten wird ein Alter von acht oder gar neun Jahren erreicht. In der Regel ist eine Brut pro Jahr. Aber manchmal errichtet das Weibchen ein zweites Nest, das etwa 100 Meter vom ersten Nest entfernt liegt. Während das Männchen die Jungen aus der ersten Brut weiter mit Nahrung versorgt, wärmt das Weibchen schon das zweite Gelege. Werden die Altvögel während der Brutzeit gestört, dann öffnen sie weit ihren Schnabel und Zischen wie eine Schlange.

Ökologie

Auf der Speisekarte der Winternachtschwalben steht eine breite Palette an Insekten. Daher kommt ihnen eine ausgesprochen große Rolle im Ökosystem zu. Davon profitiert auch der Mensch, der auf diese ökologische Schädlingsbekämpfung gerne zurückgreift. Die Bestände der Winternachtschwalben sinken seit Jahrzehnten. Vor allem der massive Einsatz von Pestiziden und anderen Pflanzenschutzmitteln dürfte am Rückgang der Populationen die Hauptschuld tragen. Dennoch gilt die Art heute noch nicht als akut gefährdet. In der Roten Liste der IUCN wird die Art als nicht gefährdet geführt.

Anhang

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Prof. Dr. Dr. hc Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Band 7-9 Vögel. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG München (1993) ISBN 3-423-05970-2
  • Gottfried Mauersberger, Wilhelm Meise: Urania Tierreich, 7 Bde., Vögel.Urania, Stuttgart (1995) ISBN 3423032049
  • Einhard Bezzel, Roland Prinzinger: Ornithologie, Utb, 1990, ISBN 3800125978
  • Hans-Heiner Bergmann: Die Biologie des Vogels. Aula, 1987, ISBN 389104447X
  • Alfred E. Brehm: Brehms Tierleben: Vögel. Area, 2003 ISBN 3899960068

Links

'Persönliche Werkzeuge